Edelbert Köb: „Unkontrollierte Wucherungen!“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Interview. Edelbert Köb, Direktor des Museums moderner Kunst, attackiert heftig Albertina-Chef Klaus A. Schröder.

Die Presse: Das Museum moderner Kunst (Mumok) hat bei der Aufteilung der zusätzlichen Mittel der Basisabgeltung (Subvention) nichts bekommen. Sind Sie enttäuscht?

Edelbert Köb: Ich habe das zur Kenntnis zu nehmen. Es bedeutet, dass erfolgreiche, engagierte und seriöse Arbeit nicht honoriert wird. Das Mumok hat seit Beginn meiner Tätigkeit 2002 eine Steigerung der Besucherzahl von 145.000 auf 206.000 erreicht. Der Wert des jährlichen Sammlungszuwachses stieg von 470.000 auf 2,1Mio.€ – durch Schenkungen, nicht durch Leihgaben! Das Sponsoring wurde massiv ausgebaut...

Die Albertina bekommt zwar auch nicht mehr Geld. Aber zwischen Ihnen und Albertina-Direktor Schröder kracht es kräftig. Sie rechnen ihm die Erhaltungskosten für die Batliner-Sammlung vor. Er kritisiert, dass das Mumok keinen Matisse, Surrealismus oder Max Beckmann zeigt. Was ist denn da los?

Köb: Wir haben uns absichtlich zurückgezogen aus der Klassischen Moderne, weil die eh alle machen. Eine Picasso-Ausstellung kostet 650.000Euro, eine Yves-Klein-Ausstellung, wie wir sie hatten, ebenfalls. Die Yves-Klein-Ausstellung haben wir mit dem Centre Pompidou gemacht, in Paris hatte sie 350.000 Besucher, bei uns 85.000. Man muss eben die richtigen Partner haben. Zu Schröder: Ich habe mir ausrechnen lassen, dass die Erhaltung der Batliner-Sammlung in zehn Jahren sechs Mio.€ kostet. Um diesen Betrag kann man sechs schöne Arbeiten Klassischer Moderne fürs Mumok kaufen, die in Wien bleiben, dem Bund gehören.

Sind Sie neidisch? Der Bestand des Mumok an Klassischer Moderne ist klein.

Köb: Nein. Unsere Sammlung ist nach Phänomenen und Disziplinen aufgebaut. Wir haben Kubismus in der Malerei, in Film, Design, Fotografie, Film, Möbel. Gründungsdirektor Werner Hofmann sagte, ich kann nicht mehr so viele Meisterwerke kaufen, also erkläre ich: Was ist Surrealismus, was ist Abstraktion. Das Mumok zeigt die Ideengeschichte der Moderne. Schröder behauptet, die Batliner-Sammlung sei der größte Sammlungszuwachs in der Geschichte der Bundesmuseen. Das ist grotesk! Vergessen alle, dass es sich hier nur um Dauerleihgaben handelt, die von der Stiftung wieder abgezogen werden können?

Sie haben auch Objekte vom Friedrichshof, von den Aktionisten übernommen.

Köb: Den Aktionismus haben wir gekauft.

Manche werden sagen: Besser, wir sehen die Batliner-Sammlung Klassischer Moderne in der Albertina zehn Jahre als gar nicht. In Amerika werden Sammlungen abgezogen, auch in Deutschland. Das kommt eben vor.

Köb: Das Museum als Durchlauferhitzer zur Wertsteigerung: Da hat es jetzt in Deutschland einige Fälle gegeben. Ein Museum ist eben kein Durchlauferhitzer, es dient auch nicht nur Ausstellungen, sondern auch der Wissenschaft. Wir müssen uns immer fragen: Wo stehen wir in 100 Jahren? Mit den Leihgaben sind wir nach zehn Jahren wieder am Anfang. Das sind unkontrollierte Wucherungen, die an der Substanz der Bundesmuseen im 20. und 21.Jahrhundert nichts ändern oder verbessern.

Sie argumentierten jetzt für Ihr Traumprojekt, das neue Museum auf der Donauplatte.

Köb: Nein. Mir geht es um Grundsätzliches. Was immer die Ministerin entscheidet, ich werde es akzeptieren. In dem momentanen Chaos, das die letzte Regierung zugelassen hat, ist absolut nichts mehr logisch. Museen definieren sich nicht mehr aus ihrem historischen oder gesetzlichen Auftrag heraus. Die Albertina definiert sich aus dem Willen ihres Leiters nach dem Motto: Le musée c'est moi! Der Staat sollte schauen, dass wir auch noch gut ausgestattete Sammlungen von nach 1945 haben, sonst geben wir uns als Kulturnation auf. Wenn jeder jetzt schnell noch ein neues Haus und neue Räume schafft, bevor die Evaluierung kommt, dann heißt das, dass manche Kollegen und Kolleginnen ein Fait accompli schaffen wollen, das jede Reform sehr erschweren wird. Welche Museen haben ein Prestige, das Jahrhunderte überdauert? Nur die, die über eine konsistente Sammlung verfügen. Da ist die Albertina ein gutes Beispiel dafür.

Man könnte die Albertina mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) zusammenlegen und Schröder überantworten. Dann wäre das Thema „Warum Gemälde statt Grafik?“ erledigt.

Köb: Ich bin dafür. Er will der Größte sein, kriegt die größte Sammlung und die Ausstellungsräume, die er dafür braucht. Und dann ordnet man alles chronologisch. Bis 1800 geht das KHM, das 19.Jahrhundert kommt ins Belvedere, die Moderne ins Mumok.

Konzepte für Museumsreformen gab es in der Vergangenheit zuhauf. Sie glauben doch nicht, dass, wenn jetzt die Experten kommen, die Ministerin nachher den Schröder bei der Hand nehmen und ihm sagen kann: „Sie, Herr Direktor, diese Ausstellung geht aber jetzt nimmer. Da auf dem Papier steht's.“

Köb: Weiß ich nicht. Schröder könnte woanders hingehen, nach Paris, New York oder Buxtehude. Dann kommt ein bescheidender Kunsthistoriker, was ist dann mit den vielen Räumen in der Albertina? Schröder wuchert mit Pfunden, die über Jahrhunderte aufgebaut wurden, nur: Wer schafft die Pfunde für die nächsten Jahrhunderte? In der Tat hat es genug Konzepte für Reformen gegeben, die alle in Schubladen verschwunden sind. Aber Ministerin Schmied und ihre Mitarbeiter, das ist mein Eindruck, greifen ernsthaft Dinge an, die bis jetzt niemand angreifen wollte, und sie sind entschlossen, ein Ergebnis zu bringen. Das ist schon viel.

Diese Einladung von Experten zwecks Evaluierung findet doch bloß statt, damit Ministerin Schmied unauffällig alle kennenlernen und sondieren kann, wer als nächster Chef des KHM, des MAK, des Mumok in Frage kommt.

Köb: Die letzte Evaluierung haben die Museen selbst vorgenommen. Das bringt gar nichts. Jetzt seien Sie nicht so pessimistisch. Glauben Sie mir, es kommt etwas heraus.

ZUR PERSON: Edelbert Köb

Der gebürtige Vorarlberger (65) war Prorektor der Kunstakademie, führte die Wiener Secession sowie als Gründungsdirektor das Kunsthaus Bregenz. Seit 2002 ist Köb Mumok-Chef. Vertrag bis 2010.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2007)

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