Wie kam der Punk auf den Hund?

Ein Fall für die Cultural Studies: Wer gründete all die autonomen Hundezüchterverbände?

Jetzt ist die x-te Wiederkehr des Sommers der Liebe auch schon wieder fast vorbei, ein launischer Altmännersommer zieht durchs Land, bald werden sie beim Most und dann beim Sturm und dann beim Staubigen sitzen, die auch schon älteren Herren, und erzählen, wie es war, z.B. damals, im Sommer 1977.

Richtig gelesen, nicht von 1967 ist die Rede, sondern von 1977, vom Jahr, in dem der Punk noch jung war. Als die Sex Pistols zum Thronjubiläum ihr „God Save The Queen“ beitrugen. Als die ersten Wiener Gymnasiasten sich Sicherheitsnadeln ans Sakko steckten, um vorsichtig ihre Sympathien zur neuen Pop-Revolte zu bekunden. Als Tausende Sprachschüler vom England-Aufenthalt mit bunten „Badges“ heimkamen und dem Wissen, dass man die „Irokesen“-Frisur als „Mohawk“ übersetzt, was bis heute feinen Stoff für fächerübergreifende Arbeiten von Indianisten, Friseuren und Kulturwissenschaftlern gäbe.

Noch näher am Herzen liegt mir ein anderes Thema, das ich hiemit zur gefälligen Bearbeitung durch die Damen und Herren der Cultural Studies ausschreibe. Ein Thema, das mich persönlich betrifft, da ich unter einer offenbar angeborenen Canophobie leide, die ich, wie ich fürchte, auch schon an einen Vertreter der nächsten Generation weitergegeben habe. (Dazu eine Bitte in eigener Sache: Wenn Sie einen Buben mit prächtigem Langhaar und einen Mann mit stark schütterem Kurzhaar sehen, Hand in Hand, beide zitternd, dann nehmen Sie Ihren Hund an die Leine und sagen Sie nicht den dümmsten und dreistesten Satz, den Hundebesitzer im Repertoire haben, nämlich: „Sie dürfen Ihnen nur net fürchten, weil des måg er går net.“)

Das Thema lautet: Warum, wieso und seit wann halten Punks sich Hunde? Wann haben die Hunde die Ratten als Lieblingstiere des Punk abgelöst? Und warum so große? Warum nie Dackel oder Pudel? Hat diese Sitte ihren Ursprung in Deutschland? Wann und wo hat sich der erste anarchistische Hundezüchterverein formiert? Widersprechen diese Tiere in ihrer hündischen, hochgradig autoritären, nach oben duckenden und nach unten beißenden, ganz und gar nicht autonomen, geschweige denn anarchischen Wesensart nicht sämtlichen Idealen des Punk? Hat da irgendwer das Lied des Punk-Vorfahren Iggy Pop, „I Wanna Be Your Dog“, missverstanden? Oder die Ironie hinter Johnny Rottens Hundehalsband nicht kapiert?


Mir jedenfalls gehen bei aller Sympathie für den Punk und seine Repräsentanten die schlecht beaufsichtigten Hunderudel in den Fußgängerzonen extrem auf die Nerven. Ich schenke jedem jungen Menschen gern auf Anfrage den Euro, der ihm für ein Bier oder einen G'spritzten fehlt, noch lieber, wenn er oder sie einen stolzen Irokesen und/oder eine Lederjacke mit schönen Parolen wie „No More Heroes“, „I'm So Bored With The USA“ oder „Pretty Vacant“ trägt und/oder sich mit Sicherheitsnadeln schmückt (die man, ich spreche aus Erfahrung, immer irgendwann wirklich braucht).

Aber nicht, wenn er oder sie einen Hund herzt, der den Gegenwert von drei Kisten Bier am Tag verschlingt und, auch das muss gesagt sein, daraus die Hinterlassenschaften produziert, mit denen immer gerade ich meine Schuhe besudle. Punk rules, okay; aber bitte hundefrei.


("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2007)

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