ORF-Klausur: Erst 2008 wird "Public Value" definiert sein.
"Natürlich wurde auch über Definitionen von ,Public Value` geredet. Es gibt verschiedene", meint ORF-Sprecher Pius Strobl. Einfach ist es nicht, in Worte zu fassen, was den Unterschied zwischen dem öffentlich-rechtlichen (gebührenfinanzierten) ORF und privaten TV-Stationen ausmachen kann und soll. "Mit dem Public-Value-Projekt betreten wir - zeitgleich mit etlichen anderen europäischen Ländern - Neuland", erklärt auch ORF-General Alexander Wrabetz. "Es geht um Leistungen für die Gesellschaft, für das Individuum, für die Wirtschaft", beschreibt Strobl das Grundgerüst der Idee. Welche Leistungen genau das sind, wird erst 2008 festgeschrieben sein - zunächst muss der Stiftungsrat das geplante Vorgehen Ende des Jahres absegnen.
Mehrwert, auch fragmentarisch
Erstes Fazit der Herbstklausur der ORF-Führungskräfte, die am Mittwoch endete: Der ORF will die Definition von "Public Value" öffentlich zur Diskussion stellen, will noch im Herbst Experten und interessiertes Publikum zu Veranstaltungen rufen ("ORF: Dialog-Forum"), um Meinungen einzuholen. Auch die ORF-Mitarbeiter sollen nachdenken - über ein "zukunftsorientiertes Leitbild" ("Mission Statement"). Für Wrabetz geht es in dem gesamten Prozess darum, "deutlich zu machen, welchen gesellschaftlichen Mehrwert wir produzieren, wie wir auch fragmentierte Zielgruppen in ihren jeweiligen Interessen zufriedenstellen und damit auch die künftige Legitimation unserer Programmentgelte sichern können".
Er will dem Stiftungsrat vorschlagen, von einem Meinungsforschungsinstitut erheben zu lassen, wie die verschiedensten Interessen in der Gesellschaft verteilt sind ("Interessen-Mapping"), wie groß also zum Beispiel der Anteil der Opernliebhaber ist und was sich diese vom ORF erwarten _ um danach festzustellen, wie viel Marktanteil einzelne Sendungen in ihrer deklarierten Zielgruppe erreichen ("Intensiv-Reichweite"). Einige Schwerpunkte zur Schärfung des öffentlich-rechtlichen Profils stehen schon fest: Mehr Frauen- und Demokratiethemen im TV, neue Live-Diskussionen zu Bürgeranliegen und gesellschaftspolitischen Themen im Hörfunk und ein Ausbau der "ORF-Bibliothek" im Internet.
Mitreden wird in der Frage auch der Publikumsrat, der bereits vor dem Sommer zwei Studien beim ORF beantragt hat, die (qualitativ und quantitativ) klären sollen, was sich das Publikum unter öffentlich-rechtlichem Nutzen eigentlich vorstellt. Der Publikumsrat darf sich einmal im Jahr vom ORF eine Meinungsumfrage zu einem bestimmten Thema wünschen - diesmal ist es eben der "Public Value". Ziel aller Bemühungen sei ein "modernes Qualitätssicherungssystem, das wir in der EU-Diskussion brauchen werden", so Wrabetz. Die EU-Wettbewerbshüter haben ja bereits angekündigt, sich die ORF-Gebührenfinanzierung genauer anzusehen.
Auch die Verbesserung des Angebots für die ORF-Kunden stand am Klausur-Programm: Bis zur Euro 2008 will der ORF ein Angebot in HD-Qualität (hochauflösendem TV) machen können. Technisch wird daran ab sofort auf Hochdruck gearbeitet, über die rechtlichen und finanziellen Grundlagen entscheidet der Stiftungsrat.