Umfrage. Internationale Führungsrolle steht zunehmend in Frage.
WIEN. Der Irak-Krieg und die Politik von US-Präsident George W. Bush haben das öffentliche Image der USA in Europa nachhaltig beschädigt. EU-Bürger setzen deshalb auf mehr Eigenständigkeit und stellen die internationale Führungsrolle der Amerikaner zunehmend in Frage. Das geht aus der Umfrage „Transatlantic Trends“ hervor, die von mehreren Organisationen, darunter dem German Marshall Fund, regelmäßig durchgeführt wird. Befragt wurden 13.000 Personen in elf EU-Staaten, der Türkei und den USA.
58 Prozent der Europäer halten demnach eine internationale Führungsrolle der USA heute für nicht mehr „wünschenswert“. Während führende Politiker wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach den deutsch-amerikanischen Differenzen um den Irak-Einsatz wieder auf eine Stärkung der transatlantischen Achse setzen, wendet sich die Bevölkerung vom traditionellen Partner immer stärker ab. Die Autoren der Untersuchung sprechen denn auch von einer „anhaltenden Kluft zwischen der Verbesserung der transatlantischen Beziehungen auf offizieller Ebene und der Verschlechterung auf der Ebene der öffentlichen Meinung“.
Wobei das Image der USA in der europäischen Bevölkerung noch besser ist als das ihres Präsidenten. Lediglich 17 Prozent der Befragten sehen George W. Bushs Politik positiv. Als Ursache für die Verschlechterung der Beziehungen zu den USA nennen 38 Prozent den Irak-Krieg und 34 Prozent „Präsident Bush selbst“. Wobei allein der Wechsel an der politischen Spitze das Problem nicht beseitigen dürfte. „Es ist mehr als nur ein Führungswechsel erforderlich, um die Risse zu kitten“, kommentierte Craig Kennedy, Präsident des German Marshall Funds, in der „Süddeutschen Zeitung“ das Ergebnis der Umfrage.
Europäisches Selbstbewusstsein
Gleichzeitig mit dem Imageproblem der USA hat sich ein eigenständiges und selbstbewussteres Gefühl der Europäer auf der internationalen Ebene entwickelt. Die EU-Bürger orten laut der Umfrage auch andere Gefahren als US-Bürger. So steht ganz oben auf der europäischen Agenda der Kampf gegen den Klimawandel (85%), bei den Amerikanern hingegen die Bewältigung der Energieabhängigkeit (88%). Den „Erwerb von Atomwaffen durch den Iran“ sehen beispielsweise 72 Prozent der US-Bürger, aber nur 59 Prozent der EU-Bürger als Bedrohung.
Den meisten Europäern ist auch bewusst, dass es allein mit Kritik nicht getan ist, sondern dass die EU auch selbst mehr Verantwortung bei der Bewältigung internationaler Bedrohungen übernehmen muss. 88 Prozent befürworten dies. Wobei immerhin noch eine knappe Mehrheit von 54 Prozent der Ansicht ist, dass die EU weiterhin in Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten Krisen bewältigen sollte. Lediglich die Franzosen wollen mehrheitlich, dass die EU völlig unabhängig agiert.
Aber nicht nur die EU-Bürger, auch die Türken haben sich von den USA abgewandt. Auf einer Gefühlsskala von 100 Punkten gingen die Bewertungen der USA von bereits geringen 20 Punkten im Jahr 2006 auf nur noch elf Punkte im Jahr 2007 zurück. Doch auch die Stimmung gegenüber der Europäischen Union ist in der Türkei angesichts der schleppenden Beitrittsverhandlungen deutlich gesunken – von 45 Punkten (von möglichen 100 Punkten) auf derzeit 26 Punkte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2007)