Interview. Generaldirektor Wilfried Seipel über böse Anwürfe, Schmieds Museumsreform – und seine Nachfolge.
Die Presse: Das Ministerium nennt die Liquiditätslage des Kunsthistorischen Museums kritisch. Überrascht Sie das?
Wilfried Seipel: Wir haben das mit dem Ministerium geklärt, dass dieser Vorwurf nicht in dieser Form aufrechterhalten wird. Wir haben keine Bankverbindlichkeiten! Wir sind seit neun Jahren ausgegliedert, länger als alle anderen Museen. Wir waren die ersten. Die Basisabgeltung (Subvention) wurde seit 1997 nicht erhöht, nicht einmal die Inflation wurde abgegolten. Ich bin froh, dass wir heute an der Spitze der Verwaltung Bankfachleute haben. Die Ministerin und der Sektionsleiter erkennen sehr wohl, dass man eine Kuh nicht so lange melken kann, bis nichts mehr da ist. Das Kunsthistorische Museum hat 24Mio.Euro an Personal- und Mietkosten zu bestreiten. Das ist mehr als die Basisabgeltung, die mit der jetzigen Erhöhung 21,99Mio.€ ausmacht.
Es ist allerdings seit zehn Jahren kein Geheimnis, dass das so ist. Da muss man eben in der Budgetplanung darauf Rücksicht nehmen.
Seipel: Wir nehmen seit vielen Jahren darauf Rücksicht, indem wir gewaltige Einsparungen vorgenommen haben. Wir mussten das Palais Harrach schließen. Wir konnten keine Erwerbungen mehr tätigen...
Wofür gliedert man Museen aus, wenn der Bund dann wie bei den Beamten erst recht die steigenden Gehälter weiterzahlen muss?
Seipel: Er muss sie nicht zahlen. Wir zahlen sie selbst. Wir haben seit der Ausgliederung den Anteil an privatwirtschaftlichen Mitteln verdoppelt. Wir haben einen Eigenfinanzierungsgrad von ca. 40Prozent. Ich kenne kein europäisches Museum dieser Größe, das eine so hohe Eigendeckung hat.
In der Albertina finanzieren die Subventionen nur mehr rund ein Drittel der Ausgaben, also ist es dort genau umgekehrt wie im KHM.
Seipel: Die Albertina ist ein Ausstellungshaus. Wir sind eine wissenschaftliche Institution mit zehn unterschiedlichen Sammlungen und zwei angegliederten Museen. Wir haben derzeit 20 Sonderforschungsprojekte laufen, die sich aus Drittmitteln finanzieren. Wir publizieren laufend, wir restaurieren unsere enormen Bestände.
Die Albertina hat aber auch einen wissenschaftlichen Auftrag, oder?
Seipel: Man kann das Kunsthistorische Museum nicht mit anderen in einen Topf werfen. Es ist das größte Museum Österreichs, wir haben 80.000Quadratmeter und 420 Beschäftigte, daher fallen indexgebundene Kostensteigerungen besonders ins Gewicht.
Sie sollen ein besonders großzügiger Arbeitgeber sein. Darum sind auch die Personalkosten besonders stark gestiegen. Stimmt das?
Seipel: Nein. Der Kollektivvertrag wurde uns aufs Auge gedrückt, nach dem gehen wir vor. Wir haben gar keine andere Möglichkeit und auch nicht die Absicht. Im Übrigen bin ich froh, dass sich die Leute hier sehr wohl fühlen. Wir haben keine freiwilligen Abgänge und keine Fluktuation.
Ihre Prokuristin ist nach Kontroversen mit Geschäftsführer Paul Frey ausgeschieden.
Seipel: Die zwei Kapazunder konnten schwer nebeneinander existieren, daher hat man sich einvernehmlich getrennt.
Früher wollten Sie keinen Geschäftsführer. Wie kommen Sie mit Paul Frey aus?
Seipel: Wir kommen sehr gut miteinander aus. Ich bedaure, dass ich Paul Frey nicht schon vor Jahren hatte. Es ist wichtig, dass ein Wirtschaftsmann dem Generaldirektor zur Seite steht. Vielleicht war es ein Fehler, dass ich das früher nicht wollte. Das Management hat meine wissenschaftliche Tätigkeit über viele Jahre stark eingeschränkt.
Was hielten Sie davon, wenn in Zukunft statt Wissenschaftlern Manager die Museen leiten?
Seipel: Ich hoffe, dass das nicht der Fall ist. Die Museen sind schließlich in erster Linie wissenschaftliche Anstalten. Wir hatten im Mai die Direktoren und Direktorinnen der 35 großen Museen Europas im KHM zu Gast. Keiner der Direktoren ist ein reiner Manager, alle sind Archäologen, Kunsthistoriker, Historiker, Orientalisten...
Ihr Vertrag als Geschäftsführer des KHM endet 2008, Generaldirektor sind Sie bis 2009. Das bedeutet, dass Sie ein Jahr lang das Geschäftsführergehalt verlieren...
Seipel: Es ist lieb von Ihnen, dass Sie sich Sorgen machen. Ich werde zu diesem ganzen Thema kein Wort mehr sagen. Das lassen wir alles die Ministerin entscheiden.
Sie möchten aber doch sicher noch die Kunstkammer wieder eröffnen und auch das Völkerkunde-Museum soll vollendet werden.
Seipel: Das wäre ein schöner Schlussstein. Seit ich hier bin, wurden sämtliche Sammlungen neu aufgestellt. Erfreulicherweise haben wir vom Ministerium auch zusätzliche Mittel für die Generalsanierung der Kunstkammer und die Neuaufstellung des Museums für Völkerkunde (MVK) in Aussicht gestellt bekommen, die fast ausreichen. Für die Kunstkammer müssen wir noch Sponsoren suchen. Aber wir können die Arbeiten beauftragen. Für Kunstkammer wie für MVK gibt es ein fertiges Ausstellungskonzept. Die Ostasien-Sammlung im Völkerkunde-Museum wird im März 2008 eröffnet. Bis Jahresende könnten wir einen Großteil des Museums fertig haben.
Ministerin Schmied plant eine Museumsreform, damit nicht wie jetzt Direktoren machen, was sie wollen. Was halten Sie davon?
Seipel: Ich glaube, das KHM hat ein eigenständiges Profil. Wir kommen niemandem mit unseren Ausstellungen in die Quere. Solche Überschneidungen hat es vor zehn Jahren gegeben, etwa im Palais Harrach. Jetzt sind wir außerhalb dieser Diskussion über Zeitgenossen und Klassische Moderne: Wer sammelt was, kauft was, stellt wo etwas aus? Die Vorschläge zur Museumsreform muss man abwarten. Wir haben am Montag eine Besprechung aller Direktoren bei der Ministerin und Sektionsleiter Michael Franz. Jeder wird seine Meinung zu den bereits ausformulierten Vorschlägen des Ministeriums äußern. Ich denke, das ist das Beste, was uns passieren kann, dass man nicht über unseren Kopf hinwegagiert.
Was halten Sie von einer Fusion des KHM mit der Albertina und einer Übernahme beider Institutionen durch Albertina-Chef Schröder?
Seipel: Wie ich schon sagte, werde ich mich hüten, mich in personelle Entscheidungen über meine Nachfolge einzuschalten. Die Albertina hat viele Bestände aus den ehemals kaiserlichen grafischen Sammlungen übernommen. Vor acht Jahren, als das KHM das MVK und das Theatermuseum übernommen hat, wurde mit Ministerin Gehrer auch darüber gesprochen, dass eine Übernahme der Grafischen Sammlung Albertina durch das KHM logisch wäre. Die Grafische Sammlung Albertina gibt es nicht mehr. Als mein Freund Schröder die Albertina übernommen hat, war der erste Schritt, die Bezeichnung Grafische Sammlung in Albertina-Museum umzuwandeln. Die Albertina ist nun ein Museum der schönen Künste.
Dem „Standard“ hat Ihr Freund Klaus A. Schröder erklärt, er wolle das KHM nicht übernehmen, weil es in einer tiefen Krise sei.
Seipel: Dazu möchte ich am liebsten nichts sagen. Solche Dinge richten sich selbst.
Was werden Sie im Ruhestand machen?
Seipel: Das sehen wir, wenn es so weit ist.
DAS KUNSTHISTORISCHE MUSEUM: Thesaurus und Saurier
„Reserven weg, infolge zu optimistischer Budgetplanung“, „hohe Verbindlichkeiten, die zu einer kritischen Liquiditätslage führten“ – konstatiert das Kultur-Ministerium dem KHM: „Um die Zahlungsfähigkeit nicht zu gefährden“, erhält das KHM 2008 um 1,8Mio. mehr.
„Unrichtig. In der Bilanz 2006 stehen Verbindlichkeiten von 2,4Mio. Forderungen von 2,8Mio. gegenüber. Das attestierten Wirtschaftsprüfer“, meint dazu das KHM.
Zu Österreichs größtem Museum gehören u.a. Ägyptisch-Orientalische- und Antiken-Sammlung, Gemäldegalerie, Hofjagd- und Rüstkammer, Münzkabinett. Dazu kommen Theater-, Völkerkunde-Museum und Schloss Ambras in Innsbruck. 80.000m2, 420 Beschäftigte.
Nächste Ausstellung: „Der späte Tizian“, ab 18.10., Foto: „Ecce Homo“. [National Gallery of Ireland]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2007)