Städters Traum vom Land- leben – ich habe ihn verwirk- licht. Doch Vorsicht: In meiner Umgebung kenne ich einige Wiener, die ihre Erbschaft fürs „Aussteigen“ aufgebraucht haben. Jetzt sitzen sie da, und die Schafe sind ihnen ebenso eingegangen wie ihre Träume. Ein Erfahrungsbericht.
Ein kleiner Zettel klemmt unter dem Scheibenwischer: „Hier ist Parken verboten. Das ist Privatgrund.“ Ich ziehe ihn langsam heraus und sehe mich um. Blauer Kugelschreiber auf liniertem Papier. Auf der etwas verbreiterten Wegkreuzung vor dem Nachbarhof ist niemand zu sehen. Die Auffahrt zu unserem Haus ist tief verschneit, so auch der Straßenrand. Nur bei der neuen Feuerwehr – ein gutes Stück entfernt – sind ein paar Parkplätze freigeschaufelt. „Hoffentlich darf man dort stehen bleiben“, denke ich mir und ärgere mich über die hingekritzelten Worte. Wenige Stunden später trage ich die Kisten vom ersten Großeinkauf gut 50 Meter bis zum Haus und fluche.
Nein, der Empfang in Hirzenriegl war nicht schön. Das Haus war kalt und so mancher Nachbar auch. War es wirklich richtig, dieses alte, entlegene Haus zu kaufen? War es die Illusion eines Städters von einem Landleben, das es nicht gibt? Die alte Keusche sah so nett aus auf der Anzeige, und der Preis war erschwinglich. Als wir es ansahen, war früher Herbst. Es war warm und sonnig. Jetzt ist Winter.
„Essen wollen S'?“, fragt die Kellnerin etwas irritiert, während drüben am Stammtisch laut aufgelacht wird. „Würstel können S' haben oder a aufgetaute Pizza, sonst haben wir leider nix da.“ Draußen braust der Wind um das kleine Gasthaus. Die Nacht bricht über den südlichsten Zipfel Österreichs herein. „Dort sehen Sie bis nach Ungarn und dort nach Slowenien“, hatte uns der frühere Eigentümer überschwänglich erklärt. Ich entscheide mich für ein Bier. „Was wollen Sie? Ein Seidl? Ah so – bei uns ist das ein kleines Bier.“ Schließlich mache ich mich auf, ein anderes Gasthaus zu suchen. In Neuhaus, im letzten Ort vor der Grenze, ist es so weit. In der warmen Stube gibt es Schweinsmedaillons.
Die kleinen Fensterzieren Eisblumen, unter der Tür pfeift der Wind durch. Die erste Nacht habe ich mit Wollmütze im Schlafsack verbracht. Ein Freund ist mir am Vortag bei den ersten Arbeiten beigestanden. Wir haben einen Ofen aufgestellt, der aber noch nicht funktionstüchtig ist. Bald werde ich auch Heizkörper montieren lassen, damit es endlich warm wird. Heute muss ich früh aufstehen, um den Rauchfangkehrer zu empfangen und den Elektriker. Doch in der kleinen Küche steht plötzlich ein älterer Herr, der sich als einer der Nachbarn vorstellt.
Es ist halb neun in der Früh. „Wollen S' ei- nen Kaffee?“, frage ich und bekomme nur eine verzogene Miene als Antwort. „Oder einen Schnaps?“ Der Herr nickt freundlich und sieht sich in der etwas spartanischen Küche um. Er ist neugierig, will ein bisschen über mich wissen und erzählt im Gegenzug von den anderen Nachbarn. „Er ist die Zeitung von Hirzenriegl – was er nicht weiß, weiß niemand“, erklärt mir später eine Nachbarin. Mir wird bewusst, dass es auch andersrum so ist: Was er weiß, wissen bald alle. Aber dieser Mann ist nicht nur neugierig. Er nimmt mich derart herzlich in Empfang, dass mir vorkommt, als sei mitten im Winter schon der Frühling ausgebrochen.
Dann kommt der Rauchfangkehrer, trinkt auch einen kleinen Schnaps und ist bald wieder dahin. Die Sonne quält sich durch die Wolken und lässt den Schnee im Garten glitzern. Langsam beginnt mir das Landleben Spaß zu machen. Da stapft ein anderer Herr durch das Gatter zum Haus. Auch er reicht mir die Hand, stellt sich als Nachbar vor. Ich gieße, ohne weiter zu fragen, gleich einen Schnaps ins Glas, es ist an diesem Vormittag mein dritter. Auch ihn interessiert der Neue aus Wien. –Der Elektriker kommt,sieht sich skeptisch die Leitungen und den Zählerkasten an. „Do werden S' an neuen brauchen.“ Der Kostenvoranschlag wird mich ein paar Tage später erschaudern lassen. Davor aber trinken wir einenSchnaps. Was heißt ei- nen! – Und dann, dann wird alles gut. Der neue Ofen wird heizen, der Zählerkasten eingebaut, das Loch in der dicken Mauer verputzt sein, wir entdecken ein kleines Gasthaus im Ort mit einer freundlichen Wirtin. Und unsere ganze Familie wird Einzug halten in das alte Gemäuer.
Kaum aber ist das meiste am kleinen Haus renoviert, beginnt der seelische Kitt zu bröckeln. Hier Wien, die schöne Stadt und Heimat, dort Hirzenriegl, der kleine wunderbare Ort in den südoststeirischen Hügeln. Hier die Anonymität, dort die Sehnsucht nach Einbindung in eine Gesellschaft, in der man eigentlich nichts verloren hat. – Die Hoffnung ist ein Fluch. Sie wächst jedesmal auf der Bank vor dem Haus, und die Träume spinnen Gedanken über Weinbau, Kräuter und eigenen Schnaps. Wenn die Nacht hereinbricht, zieren tausend Sterne unser Dach. Allein die Luft ist es, die hier zur Droge wird. Alles nur geborgt? Irgendwann ist wieder Sonntagabend, und das Auto wird vollgepackt, die Kinder werden in ihre Sitze geschnallt, und ab geht es in die ferne Häuserschlucht.
Alle paar Wochen dasselbe Ritual der Gedanken, Sehnsüchte und letztlich der Enttäuschungen. Denn die Flucht gelingt nicht, sie ist nur angedeutet. Und hierbleiben? „Aussteigen“ ist heute out. Jeder weiß, dass es eine Illusion ist. Noch immer leben im nahen Südburgenland einige Wiener, die ihr Erbe für den Lebenswechsel aufgebraucht haben. In den Siebzigerjahren gab es einen wahren Boom an Zuwanderern – eine alternative Exklave der Stadt ist entstanden. Sie haben gelernt, Most zu produzieren, für Wein aber reichte es nicht. Die Schafe sind ihnen ebenso eingegangen wie die Gänse und ihre Träume. Eine Paar, das damals hierher zog, erzählt: „Aus dem Wunsch nach täglicher Idylle ist ein grauer Alltag mit Holzspänen und Schlamm geworden.“ Zurück wollten sie nicht, doch das Hierbleiben war keine Alternative mehr für sie, sondern harte Realität.
Nicht unweit der alten Keusche, in einem Nachbarort, hat sich erst kürzlich ein älterer Wiener angesiedelt. Er baut noch um. Doch auch er hat bereits den Virus eingefangen. Er hasst den Weg über den Wechsel, und wenn er länger oben in der Stadt ist, will er wieder herunter. Wenn er herunten ist, zieht ihn irgend etwas wieder hinauf in sein altes Leben. „Ich bin zerrissen.“
„Stört Sie die Straße nicht“, haben schon einige im Ort gefragt. Aber sie wissen nicht, wie es in Wien ist, wodas Rauschen nie endet, wo die Wohnung vonder Straßenbahn wackelt und im Sommer die Hitze unerträglichwird. Hier herunten bellen die Hunde, brummen die fernen Kettensägen im Wald. An Wochentagen fährt auf der engen, kleinen Straße oft stundenlang kein Auto vorbei. Es ist so ruhig, dass ich gerne das kleine Radio in der Küche in Gang setze, damit mich die Stille nicht ganz verschluckt.
Nur einmal hat Hirzenriegl uns enttäuscht: in jenen Tagen, als in der gesamten Streusiedlung Laternen aufgestellt wurden. Zwei beleuchten seither unseren kleinen Garten, und die Kinder sind traurig, weil sie nun die Sterne nicht mehr so deutlich sehen können. Mit den Laternen hat ein bisschen von der hässlichen Stadt Einzug gehalten. Und auch die Vorgeschichte ist ein wenig hässlich. Denn Hirzenriegl hätte das Licht gar nicht gebraucht. Sobald es finster wird, ist niemand mehr auf der Straße. Die Laternen säumen einen Weg vom Wald bis zu den Wiesen – völlige Verschwendung. Sie wurden nur deshalb aufgestellt, weil es dafür Förderungen gab und weil manche Hirzenriegler auf Gleichbehandlung mit den Bürgern von Fehring bestanden, zu der die kleine Siedlung gehört.
Sonst aber sind die Menschen hier so beschämend uneigennützig und hilfsbereit, dass wir individualisierten Städter oft schwer irritiert sind. Da liegen mit einem Mal frische Paradeiser vor der Tür oder saftige Birnen. Und es kostet jedesmal lange Recherchen, wer uns denn diesmal die kleine Freude gemacht hat. Wenn der gemeinsame Wasserspeicher verschmutzt ist, helfen selbstverständlich alle mit, ihn zu reinigen. Und zu Ostern werden auch unsere Kinder zum gemeinsamen Eiersuchen eingeladen.
Manchmal sitze ich vor Herrn Webers Keller in der Abendsonne und trinke seinen Uhudler. Dann wird politisiert, und ich erfahre etwas über die evangelische Kirche, die lokale Politik und den Apfelbau. Selbst wenn viel Arbeit in seiner Plantage wartet, hat er Zeit. Er hat bloß die Volksschule besucht, er ist geistreicher als unsereins. Er weiß von den Nützlingen, die auf den Blättern der Isabellatraube leben, von der Heilwirkung der roten Weinblätter und wie man schmackhaften Wein produziert. Wenn er viel Obst hat, so gibt er etwas für die Kinder mit. Und die lieben die Äpfel vom Herrn Weber. Sie nehmen sie in die Schule und in den Kindergarten mit. Es ist ihr Stück Hirzenriegl, das sie nach Wien begleitet.
Kopf und Sehnsucht spielen ein Match zwischen Wien und Hirzenriegl – zwischen dem Puls des hektischen, aber faszinierenden Lebens der Stadt und der Beschaulichkeit des kleinen, so seltsam beleuchteten Orts. Der sehnsüchtige Gedanke versucht beides zu verbinden und wird es nie vollenden. In Wien zu leben und in Hirzenriegl eigentlich nur Gast zu sein ist unbefriedigend und doch ein Antrieb.
Vergangenen Winter hat unser Nachbar keinen Zettel mehr unter den Scheibenwischer gesteckt, sondern unsere Einfahrt mit seinem Traktor freigeschoben. Wir haben ein Bier zusammen getrunken, und er hat mich noch immer so eigenartig angesehen wie einen Fremden. Vielleicht fühlen sich unsere Nachbarn gegenüber uns genauso zerrissen, wie wir selbst es sind. Vielleicht sind wir für sie wie die „Fahrenden“, die manchmal über die Hügel ziehen. Wenn sie kommen, wecken sie Neugier, wenn sie wieder gehen, sind alle beruhigt. Es heißt, sich nicht zu nahe zu kommen – zu verschieden sind die Welten.
Die Hirzenriegler haben einen eigenartigen Respekt vor den Städtern und ihrer Stadt. Auch wenn viele der Älteren schon einmal in Wien gearbeitet haben, es kostet sie jedesmal eine Überwindung, wieder „hinaufzufahren“. Schuld ist auch der massive Verkehr, der sie schon auf der Südosttangente erwartet. Manche lassen sich deshalb am Ende der Autobahn von Verwandten abholen. Die haben dann eine weiße Masche auf ihre Antenne gebunden und lotsen ihre Gäste durch die Stadt. Früher dachten wir Städter in unserer grenzenlosen Ignoranz, das alles seien Hochzeitsgesellschaften.
Es ist Abend, und die Laternen leuchten auf die kleine Straße. Und ich frage mich: Ist dem wirklich so? Zelebrieren wir nicht die Unterschiede doch auch selbst allzu gern? Sind sie nicht der Ursprung aller Träume und der gewünschte Beleg unserer Ängste? Ist die angebliche Verschiedenheit zwischen Stadt und Land nicht eher unsere eigentliche Sehnsucht nach Abgrenzung? Sind wir uns nicht viel ähnlicher, als wir es wahrhaben wollen?
Ich weiß, die Hirzenriegler lachen, wenn ich mit meiner altertümlichen Sense das hohe Gras am Straßenrand schneide. Das ist, als ob ein Städter mit dem mittlerwei-
le altertümlichen Gerät um ländliche Anerkennung kämpft. Doch sie wissen nicht, warum ich es mit so zornigen Bewegungen tue: nicht nur, weil es mir an Muskelkraft fehlt, sondern weil ich am liebsten auch diebeiden verdammten Laternen ummähenmöchte.
Aber keine Angst. Die bleiben stehen, und wir werde wieder einmal heimfahren – spätestens am Sonntagabend. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2007)