Gewinnt Ferrari einen Grand Prix, läuten in Maranello die Kirchenglocken, dafür sorgt Pfarrer Alberto Bernardoni. Seine Gemeinde und er leben für den Mythos der Scuderia.
WIEN/MARANELLO. Obwohl er selbst nur einen kleinen Fiat fährt und einst bei der Führerscheinprüfung Gottes Hilfe wahrlich in Anspruch nehmen musste: Für Don Alberto Bernardoni ist Ferrari das Um und Auf. Und wenn der 75 Jahre alte Monsignore über die Scuderia und das Autowerk, das in seiner Gemeinde in Maranello steht, zu erzählen beginnt, ist er in seinem Element. Vor allem an diesem Wochenende, da rollt am Sonntag in Monza der GP von Italien über den Asphalt. Auf der Heimstrecke der Scuderia erwartet jeder einen Sieg.
Ferrari – eine Symphonie
Der Mythos rund um „die Roten“, sagt Don Alberto, der seit zehn Jahren in Maranello den Gottesdienst leitet, gehört der Region. Sie benötigt ihn, und „mit ihr lebt auch Ferrari. Das ist wie ein Kunstwerk, jedes Auto ist eine Symphonie!“, erzählt er stolz am Telefon. Und im Ferrari-Kernland zwischen Modena und den Hügeln der Emilia Romagna, wo selbst in Blumenbeeten das Firmenlogo zu finden ist und jedes Kind Test-Piloten auf der Via Nazionale zuwinkt, dreht sich alles nur um diese Marke. Gewinnt die Scuderia einen Grand-Prix, ja dann legt selbst Don Alberto Hand an. Seit zehn Jahren läutet er bei einem Sieg seine Kirchenglocken, dadurch wurden Maranello und er weltberühmt. So manchem stieß es auch übel auf: Ein katholischer Priester, der Glocken läutet für Umweltsünder, Geld, Luxus – also Begriffe, die fern ab der Bibel sind?
Für Don Alberto jedoch sind es „Momente der Freude“, sagt er mit lauter, impulsiver Stimme. „Weil wir alle daran teilhaben, uns gemeinsam freuen. Und ich? Ich bin kein Tifoso, ich bin kein Fan. Aber ich bin trotzdem Teil des Ganzen.“ Aus seinen Worten klang auch leise Wehmut mit. Es ist der letzte Italien-GP für ihn – in Maranello. Der 75-Jährige muss ruhiger treten und in der Kathedrale von Modena „dem Herrn dienen“.
Naturalmente Schumacher
Dass die Formel 1 vor Kapitalismus und Egoismus nur so strotzt, weiß der Pfarrer. Er wollte trotzdem die dahinter steckende Arbeit, das Engagement und die Hingabe aller Beteiligten – von der Kantinenfrau bis zum Chefmechaniker – betont wissen. „Das ist doch auch Ausdruck des Lebens!“
Im Lauf der Jahre hatten viele Ferrari-Mitarbeiter seinen Rat gesucht, Piloten aber hat er nur einen kennen gelernt. „Das war Michael Schumacher! Ihn habe ich sogar zweimal getroffen.“ Der Deutsche sei der größte, naturalmente der beste Pilot gewesen. Außerdem habe er als „außergewöhnliche Persönlichkeit“ dem ganzen Land unendlich viel Freude bereitet. Schumacher sei auch zu Recht Ehrenbürger von Maranello geworden, sagt Bernardoni stolz. Zum Abschied bekam der Deutsche übrigens eine kleine Glocke geschenkt – als Erinnerung an glorreiche Zeiten.
Wenn Don Alberto Bernardoni in Pension geht, wird er all seine Agenden übergeben. Und natürlich wird er seinem Nachfolger das Glockenläuten lehren. Die Tradition müsse überleben. „Sie wird, solange ein Ferrari über die Strecken dieser Welt fährt!“
DER ITALIEN-GP
Am Sonntag findet in Monza der Italien-GP statt, ORF überträgt live ab 13.30 Uhr.
Gewinnt ein Ferrari, läuten in Maranello die Glocken. Dafür sorgt Don Alberto Bernardoni.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2007)