Nicht ohne mein Wohnzimmer

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Reisen auf Rädern. Der Sommer hat es wieder gezeigt: Immer mehr Wohnmobile behaupten ihren Platz auf unseren Straßen. Diente das rollende Eigenheim früher dem Sparzweck, ist es heute eine Luxusvariante des Reisens.

Es verbindet, wenn man in seinem eigenen Auto aufs Klo geht. Wer kann das schon? Vor allem während der Fahrt, was zwar nicht wirklich erlaubt ist, dafür aber einen speziellen Nervenkitzel bietet. Wenn der Mensch vorn am Lenkrad dann noch grad ein lustiger ist, legt er ein paar Ausweichmanöver hin, dass man sich hinten in der Toilette in einem schlingernden Jet glaubt. Sitzpinkler sind in dieser Situa­tion dramatisch im Vorteil. Theoretisch kann man, während das Gefährt über die Landstraße braust, auch noch schnell in der Küche nach dem Rechten ­sehen und sich einen Happen bereiten, dann nach vorne schlendern, sich en passant ein Getränk aus dem stattlichen Kühlschrank greifen und wieder auf die Kommandobrücke gesellen, auf der das Asphaltband wie ein grauer Fluss unter der ­Panoramascheibe abfließt. Oder man bleibt gleich hinten und schaut fern. Oder – klebt nicht schon das Hemd an der Haut, ­wäre es Zeit für eine schnelle Dusche? Wenn sie rollen, bieten zwölf Quadratmeter ganz ungeahnte Freiheiten.Wir sind keine Camper

„Die Österreicher“, sagt Frau Vitowetz vom Österreichischen Camping Club, „sind kein Campervolk.“ Wohl aber die Deutschen, Italiener, Franzosen und Holländer, die es jeden Sommer mit ihren Westfalia, Dethleffs und Hymer auf unsere Passstraßen abgesehen haben, nur um uns redlichen Sportfahrern im Weg zu sein. Selten haben wir mehr als verächtliche Blicke für die schleichenden Riesenkisten übrig, obwohl deren Insassen in aller ­Regel freundlich durch die Gegend blinzeln. Klar, die sind ja auf Urlaub, während wir auf der Durchfahrt sind – Richtung Urlaub.

Während wir uns die trödelnden Wohnmobile sehr wohl von der Straße wegdenken könnten, haben die Gefährte in der Kfz-Branche eine solide Nische errichtet. Fast 40.000 abgesetzte Reisemobile und Caravans allein in Deutschland erklären, warum Hersteller jedes Jahr neue Modelle anbieten und Fachmessen von Publikum und Ausstellern gestürmt werden. Beim Caravan Salon Ende August in ­Düsseldorf konnten die Besucher in 2000 verschiedenen Fahrzeugen Platz nehmen und Probe liegen. Man diskutiert Gewicht, Ausstattung und Motorisierung sowie Lage und Füllvolumen der Frisch- und Abwasserbehälter an Bord.
Vergleichsweise bescheiden ist der Markt in Österreich: 800 Wohnwagen und 700 Reisemobile setzte die Branche im vergangenen Jahr ab, Eigenimporte nicht eingerechnet. Weil wir, wie erwähnt, kein Volk der Camper sind, fokussiert man auf Zielgruppen: Tierbesitzer, die ohne Restriktionen mit ihren Katzen, Hunden, Goldfischen und Hamstern in den Urlaub ziehen wollen, Motorsportler, die ihr Quartier nah der Rennstrecke aufschlagen wollen und Ausrüstung bei der Hand brauchen. Und natürlich die „reiselustigen Pensionisten“, die endlich darangehen können, sich lang gehegte Träume zu erfüllen. Der Trip zum Nordkap steht ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

u den Fallstricken für Wohnmobilanfänger gehört das Gewichtsthema. Ab 3,5 Tonnen Gesamtfahrzeuggewicht ist in Österreich (wie auch in Deutschland) der Lastwagenführerschein bis 8,5 Tonnen („kleiner C“) erforderlich. Schlimmer noch: Ab dieser Gewichtsmarke gilt man als Lastwagen, womit man die „kilometerabhängige Straßenbenützungsgebühr“ auf sich zieht, was einem die „piepsende Go-Box im Cockpit und einige zig Euro an Mautkosten allein von Wien nach Spielfeld“ einbringt, so ein Branchenvertreter.

Hersteller wie Besitzer nähern sich daher der 3,5-Tonnen-­Grenze im Grammbereich an. Manch ­Ahnungsloser tappt mit üppigem Proviant an Bord und Fahrrad auf dem Heckträger in die Überladung. Verdachtsfälle landen unter den strengen Augen der Asfinag-Kontrolleure schnell auf der Waage.

Dennoch ist der Handel auch in Österreich nicht unglücklich. In den östlichen Nachbarländern schlummern Wachstumsmärkte. Vor allem aber ist von einem Premiummarkt die Rede. Campen um zu sparen, das war einmal. „Wohnmobile sind eigentlich Luxus“, sagt Frau Vitowetz vom Camping Club, mit Billigpauschalflugreisen wolle man gar nicht konkurrieren. Es gehe um die mentale Polung: „Man muss ein Camper sein.“

Und der liebt es gut ausgestattet. Satellitenfernsehen, bequeme Betten, ordentliche Kühlschränke, eine besser ausgestattete Küche als in so mancher Wohnung und starke Motoren als Antrieb gehören eher zur Norm als zur Ausnahme. Wer mag, reist richtig luxuriös auf dem Chassis eines Reisebusses und fährt bei ­Bedarf den mitgeführten Kleinwagen hydraulisch aus dem Heck. Formel-1-Fahrer wie David Coulthard und Ralf Schumacher besitzen solche Kreuzer, Kostenpunkt: bis eine Million Euro.

Das lukrative Geschäft haben längst große Hersteller gewittert, die nicht bloß Fahrwerke und Motoren liefern, sondern auch am Aufbau mitnaschen wollen. Mercedes hat sich vor wenigen Jahren den Spezialisten Westfalia einverleibt und bietet zwei Wohnmobile an, die man bei jedem Händler be­stellen kann.

Wohnsitz Straße

Im feudal ausgestatteten „James Cook“ tourten wir zwei Tage durch die Lande. Das Fahren ist ebenso unkompliziert wie in einem modernen Lieferwagen – bloß viel ­bequemer. Und am Motor liegt es sicher nicht, wenn der Fahrer ­gemächlich dahinrollt.

Das zunächst formulierte Motto „Kenne deinen Feind“ wich bald, ja, einer gewissen Begeisterung für die Vorzüge des Autofahrens mit ­an­geschlossener Wohnung.

Tatsächlich schläft es sich in dem Bett, das mit einigen Handgriffen hervorgezaubert ist, ausgezeichnet. Morgendliches Highlight ist das Duschen im eigenen Auto.

Und anders als zu Hause weiß man bei dem Tritt hinaus ins Freie nie genau, wie es dort aussehen wird. Ungeliebte Nachbarn bleiben einem nicht auf Jahre erhalten – man kann sie mit ein wenig Ran­gieren einfach austauschen.

Bleibt die Frage, ob man bei den steigenden Mietpreisen nicht gleich dauerhaft Auto und Wohnung zusammenlegen sollte. Leben im mobilen Hochparterre – so groß wie mancher „Singlehit“ war unser James Cook allemal, und verkehrsgünstiger liegen kann man gar nicht.

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