Hosen und Hemden anbehalten

(c) APA (Sepp Gallauer)
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Kammerspiele. Sandra Cervik & Herbert Föttinger spielen Schnitzlers „Reigen“, intelligent inszeniert von Stephanie Mohr, witzig ausgestattet von Miriam Busch.

Wenn in Wien einer Doktor oder Professor ist, sagt man auch zur Gattin Frau Doktor oder Frau Professor. Die Sitte ist skurril und schon leicht veraltet, aber nach ihr ist Sandra Cervik neben Schauspielerin und Ehefrau des Josefstadt-Direktors und Schauspielers Herbert Föttinger auch die Frau Direktor. Nun spielen Chef und Chefin zusammen in Schnitzlers pikantem „Reigen“, indem bekanntlich jede Szene mit GV (Geschlechtsverkehr) endet. So etwas regt die Fantasie des Publikums an. Wie machen sie's? Machen sie's zu Hause auch so? Streiten sie womöglich, wie man's machen soll?

Die Antworten sind wie oft nicht so spektakulär wie die Fragen und auch weniger spannend als die Fotos, die von Proben der Aufführung seit Wochen im Umlauf sind. Cervik und Föttinger behalten Hosen und Hemden an. Während recht kurzweiliger pausenloser (schon wieder! Wir wären nicht davon gelaufen!) 105 Minuten ist keinerlei skandalöse Bewegung zu verzeichnen.

Damit hat es, abgesehen vom Josefstädter Publikumsgeschmack, seine Richtigkeit. Denn im „Reigen“ geht es weder um Politik, der Alfred Pfoser, im Programmheft einen erhellenden Aufsatz widmet, noch wirklich um GV, sondern um Human Relations. Die waren im Fin de Siècle anders als heute.

Cervik entzückt als Diva und Girlie

Daher hat ein „Reigen“-Interpret nur die Wahl zwischen plüschig-altmodisch und peinlich-neumodisch. In den Kammerspielen, wo heuer wegen des Haupthaus-Umbaus die erste Premiere dieser Spielzeit stattfand, entschied sich das Team für peinlich-neumodisch, verlegte die ganze Sache in eine Peepshow – und gewann.

Ein Grund ist das ausgeklügelte Bühnenbild von Miriam Busch, die in das rote Rechteck, das die Bühne füllt, allerlei Effekte einbaute: Da fahren aus Klappen Nachtlämpchen für das Ehepaar heraus oder ein Blumentopf für die Schauspielerin. Da knistert ein Kaminfeuer, da öffnet sich ein Kasperltheater, Puppen treten auf, man sieht auf eine kitschige Berglandschaft. Das Auge ist angenehm beschäftigt an diesem Abend, den das Kulinarische mit der Volkstheater-Premiere (siehe unten) verbindet.

Die Bühnen-Dekoration, die sich zwischen zwei Toilette-Schildern „Herren“ und „Damen“ immer wieder verändert, mag aber auch einen feinen Hintersinn haben. Der Mensch hat nirgends Platz. Nicht in der Arbeit, nicht in der Wohnung und nicht in der Liebe. Er ist der Technik ausgeliefert, dem Schein, den Accessoires. Und: Ständig muss er oder sie repräsentieren, sich aufplustern, den eigenen Stand (Dichter oder süßes Mädel) darstellen, Besonderheit vorführen. Verlässt man die Maske, zeigt, was man fühlt, wird man sofort verletzt.

Das größte Verdienst von Regisseurin Stephanie Mohr, die u.a. die erfolgreiche Mozart-Show „Die Weberischen“ inszenierte, ist, dass sie die Akteure abgehalten hat, eine krass-komische Nummer abzuziehen.

Vor allem Sandra Cervik hat davon profitiert. Auch wenn sie manchmal überfordert wirkt von den ständigen Rollen-Wechseln, insgesamt entzückt sie: speziell als herrische Schauspielerin, die sich Männer krallt, dabei stets eine Madonnenstatue auf dem Nachtkästchen stehen haben muss – und dermaßen mit ihrem Gewerbe als Diva verwachsen ist, dass sie sogar den Orgasmus bühnenreif und im Vorhinein probt.

Schweres Manko: Kaum Sinnlichkeit

Aber auch als süßes Mädel, drogensüchtig und überdreht, gefällt Cervik sehr. Außerdem hilft sie ihrem „Götter-Gatten im Leben“ bei einem Text-Hänger. Das ist der einzige wirklich rührende und intime Moment an diesem Abend, dem, schon wieder und nicht zum ersten Mal beim „Reigen“, knisternde Erotik fehlt. Was reitet eigentlich die Theaterleute, dass heutzutage Liebes-und Sexgeschichten vielfach vor allem aus Gymnastik und Hysterie bestehen statt aus Sinnlichkeit – mit allen Ambivalenzen?

Föttinger hält mit seiner Partnerin wacker mit, hat vor allem als entrüsteter Ehemann, eitler Dichter und pseudo-philosophischer Graf immer wieder köstliche Momente. Doch scheint ihm die Josefstädter Baustelle im Nacken zu sitzen. Er geht leicht gebückt, wirkt zeitweise zerfahren und angestrengt.

Zum Unterschied von der künstlichen Burgtheater-Aufführung des „Reigen“, in der vieles allzu dressiert und stilisiert wirkte, gibt es in den Kammerspielen ordentliches Schauspielertheater mit nur leichtem Tiefgang zu sehen. Den liefern immerhin die eingefügten Zitate aus der „Traumnovelle“.

JOSEFSTADT: Was kommt

Herbert Föttinger inszeniert Goldonis „Diener zweier Herren“ mit Gregor Bloéb (ab 15. 11.), Torsten Fischer zeigt „Wie es so läuft“ von Neil LaBute (ab 6. 12.), Hans Hollmann bringt Nestroys „Unverhofft“ heraus mit Otto Schenk (ab 17. 1.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2007)

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