Schizophrenie-Gen macht alles schneller

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Neurologie. Wieso haben sich Genvarianten, die wahnsinnig machen können, in der Evolution durchgesetzt?

Schizophrenie, einst mit „Spaltungsirresein“ übersetzt, ist wohl die unheimlichste Geisteskrankheit – trotz oder wegen ihrer, freilich oft übertrieben dargestellten, Nähe zu künstlerischen Leistungen. „Wie der Künstler strebt der Schizophrene nach Selbstverwirklichung“, schrieb etwa der Wiener Psychiater Leo Navratil. Er analysierte Bilder und Gedichte seiner Patienten, verglich sie mit den späten Gedichten Friedrich Hölderlins.

Hölderlin (1770 bis 1843) verfiel erst ab 30 Jahren allmählich dem Wahnsinn. Das ist auch für Schizophrenie eher spät – doch diese äußert sich nur sehr selten vor Ende der Pubertät. Auch das ist ein Rätsel, auf dessen Spur die Genetiker nun sind.

Es gibt wohl etliche Theorien über Umwelteinflüsse, die Schizophrenie begünstigen soll – von mangelndem UV-Licht während der Schwangerschaft bis hin zu Retroviren –, doch es ist unbestritten, dass Gene eine Rolle spielen. Allerdings nicht eines oder zwei, sondern viele. 76 Gene sind unter erhärtetem Verdacht, mit Schizophrenie zu tun zu haben. Biologen um Steve Dorus (Bath, UK) haben diese untersucht – auf Anzeichen darauf, dass sie in der Evolution des Menschen unter positiver Selektion standen, dass sich also Genvarianten durchgesetzt haben, weil sie ihren Trägern irgendwelche Vorteile bieten und sich mit ihnen überdurchschnittlich oft vermehren. Denn auch das ist ein Rätsel der Schizophrenie: Wieso verschwindet sie nicht, wenn ihre Träger, denen ihre Krankheit die Partnersuche zumindest erschwert, sich doch unterdurchschnittlich erfolgreich fortpflanzen?

Nervenzellen außer Kontrolle

Die Biologen fanden 14 Gene, die offenbar in der jüngeren Evolution des Menschen (also seit sich unsere Vorfahren von den Vorfahren der Schimpansen abgespalten haben) unter positiver Selektion standen, und elf Gene, die in der Evolution der Primaten positiv selektioniert wurden (Proceedings of the Royal Society, online 4.9.). Besonders stark und schnell war die Selektion für ein Gen, das man seit 2003 kennt: Wenn es kaputt ist, begünstigt das das Auftreten von Schizophrenie, darum nennt man es „disrupted in schizophrenia“ (DISC1). Was tut dieses Gen? Es hält Nervenzellen, die im Gehirn von Erwachsenen neu entstehen, unter Kontrolle. „Normalerweise wandern die neuen Neuronen innerhalb bestimmter Grenzen“, erklärt der US-Biologe Hongjung Song, „aber Zellen mit weniger DISC1 schießen über das Ziel hinaus und enden auf falschen Plätzen. Sie feuern auch schneller und bilden schneller Synapsen. Alles ist beschleunigt. Es scheint, dass sie einfach nicht aufhören können.“

Bisher wusste man über DISC1 nur, dass es in der embryonalen Entwicklung des Gehirns aktiv ist. Dass es auch im erwachsenen Hirn unentbehrlich ist, konnten Song und Kollegen zeigen (Cell, 130, S.1) – allerdings an Mäusen. Und deren Hirnentwicklung unterscheidet sich wohl deutlich von der des Menschen. Aber es scheint plausibel, dass DISC1 auch bei Menschen eine besondere Rolle für die Neurogenese im erwachsenen Hirn spielt – das könnte erklären, warum Schizophrenie so spät ausbricht.

Auch Neurowissenschaftler um Mikhail Pletnikov (Baltimore, USA) sind der Rolle des DISC1 – bei Mäusen – auf der Spur: Sie zeigten, dass Mäuse mit mutiertem DISC1 aktiver und aggressiver sind. „Schizophrenie ist eine Störung bei Menschen“, kommentiert Pletnikov: „Daher können wir nicht sagen, dass die Symptome, die das Mausmodell zeigt, schizophren sind. Aber sie passen zu den Verhaltensänderungen, die wir von schizophrenen Menschen kennen.“ Sogar zu hirnanatomischen Merkmalen der Schizophrenie: Bei Schizophrenen und bei den Mäusen mit mutiertem DISC1 sind seitliche Ventrikel (mit Flüssigkeit gefüllte Räume im Großhirn) vergrößert.

Aber wir sind keine Mäuse, die letzten gemeinsamen Ahnen von Maus und Mensch lebten vor über 75 Millionen Jahren. All die „Mausmodelle“ für DISC1 & Konsorten können noch immer nicht erklären, warum diese Gene sich in der Evolution zum Menschen so spezifisch verändert haben, welche Vorteile sie Nicht-Geisteskranken bringen.

Gesteigerte Fantasie

„Die Mechanismen, die schizotypische Kognition und Kreativität mit den postulierten Fitness-Vorteilen verbinden, sind unklar, darunter könnten sexuelle Selektion, kreative und künstlerische Fähigkeiten oder allgemeine Vorteile einer einsichtigen Problemlösungsstrategie sein“, schreiben Dorus und Kollegen etwas schwammig – und berufen sich auf Arbeiten, denen zufolge bestimmte Varianten von mindestens drei Genen (DISC1 ist nicht darunter), die mit Schizophrenie korrelieren, bei Nicht-Schizophrenen mit gesteigerter Kreativität und Fantasie assoziiert werden können.

Da ist er also wieder, der Konnex zwischen Kunst und Wahnsinn – und, schon im Wort „schizotypisch“, die alte Idee aus der „Typenlehre“ des Ernst Kretschmer, nach der zu jeder Geisteskrankheit ein „normaler“ Charakter und eine Übergangsstufe gehören: zyklothym/zykloid/zirkulär; schizothym/schizoid/schizophren. Eine saubere Trennung der „zirkulären“ Störungen – einst manisch-depressiv, heute „bipolar“ genannt – von der Schizophrenie erlaubt die Genetik derzeit (noch) nicht: Etliche der Gene, die mit Schizophrenie zu tun haben, beeinflussen auch die Neigung zu bipolaren Störungen.

LEXIKON: Schizophrenie

Der Begriff wurde 1907 von Eugen Bleuler geprägt. Zirka ein Prozent der Menschen leidet an Schizophrenie – die nicht gleichbedeutend mit der seltenen „multiplen Persönlichkeitsstörung“ à la Jekyll/Hyde ist.

Typische Symptome sind Wahnideen, Halluzinationen, innere Stimmen, aber auch die Unfähigkeit zu komplexem Denken. Sie beginnen meist zwischen Pubertät und 30.Lebensjahr, bei Frauen eher später.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2007)

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