Der Streit um Präsidentin Barbara Holub. Vereinsquerelen oder Grundsatzkonflikt? Künstler- oder Kunstverein? Generalversammlung am Mittwoch.
Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Am heutigen Mittwoch hält die Secession eine außerordentliche Generalversammlung ab. Zwar geht es nicht um Geflügel, aber die Problematik wirkt ähnlich skurril. Dabei sieht alles einfach aus. Acht von 14 Mitgliedern traten aus dem Vorstand aus. Vorstand & Präsidentin, seit Mai 2006 Installationskünstlerin Barbara Holub, seien nicht handlungsfähig. Das sagen Kritiker wie die Ex-Secessions-Präsidenten Adolf Krischanitz – der Architekt baute das Haus in den Achtzigern auch um – oder Edelbert Köb, Direktor des Museums moderner Kunst (Mumok). Holub wird „autoritärer Stil“ vorgeworfen. Mit den vielen Austritten von Vorstandsmitgliedern soll sie gezwungen werden zurückzutreten, kontert die Präsidentin.
Zuletzt hat man sich in der Verfahrensweise verhakt. Es geht um die knifflige Frage, ob der Vorstand nach den Statuten erstneu besetzt und dann über die Wahl eines neuen Präsidenten abgestimmt werden soll – oder umgekehrt. „Schwammige Paragrafen“ ortet Köb. Er droht mit dem Anwalt. „Absolut statutenwidrige Vorgangsweise“ bei seinen Anträgen wirft ihm Holub vor.
Massenverein mit vielen Mitgliedern
Ein Problem scheint die große Zahl der Mitglieder zu sein: 268 Personen, früher waren es viel weniger. Aus der Gesinnungsgemeinschaft ist ein Massenverein geworden.
Die Präsidentschaft ist ein Sprungbrett für die Karriere. Von der Wiener Kunstakademie, wo der Künstler Köb Professor war, ging er an die Secession und erwarb sich dort einen erstklassigen Ruf als Kunstmanager; er wurde Gründungsdirektor des Kunsthauses Bregenz und dann Chef des Mumok.
Von der Secession, wo er sieben Jahre Präsident war, wechselte Matthias Hermann, Holub-Vorgänger, als Professor an die Kunstakademie. Auch für die Architektenkarriere von Adolf Krischanitz waren der Secessions-Umbau und seine Präsidentschaft als Köb-Nachfolger ein Vorteil.
Heikel war der Präsidentenposten immer: Die Geschichte der Secession ist eine der Palastrevolutionen, so ein langjähriger Beobachter. Statt eines Gehalts gibt's dabei nur Spesenersatz – und eben Renommee.
Barbara Holub ist die erste Frau als Präsidentin in der Geschichte der Secession, die als moderne Abspaltung vom konservativen Künstlerhaus 1897 gegründet wurde. Warum dringen gerade diesmal die notorischen Streitereien so nachhaltig an die Öffentlichkeit? Vielleicht, weil es hier nicht nur um schwer durchschaubare Vereinsangelegenheiten, „Sandkastenspiele“ geht, sondern auch um handfeste Interessen und Zielkonflikte. Künstler- oder Kunstverein? Das ist der Knackpunkt. Ein Künstlerverein wird von Künstlern kollegial geführt, dazu müssen sie sich halbwegs einig sein. Sie lancieren Kollegen, die ihnen wichtig erscheinen, urteilen aufgrund ihres eigenen handwerklichen Könnens, vielleicht aber eben gerade darum im Blickwinkel eingeengt.
Will Köb in die Secession zurückkehren?
Das Feld nämlich gehört längst den Kuratoren, den Vermittlern. Sie bestimmen, was ein Talent ist, ein Trend werden könnte. Die wirkliche Macht hat der Markt. Um sich auf diesem zu positionieren, wäre ein Kunstverein mit einem Manager, der allein regiert, praktischer. Holub hingegen trat mit einem basisdemokratischen Modell an, sie will die Secession öffnen, auch Ausstellungen an anderen Orten zeigen, die Künstler stärken.
Unter Herrmann war der Galerieneinfluss teilweise bereits sehr stark spürbar. Und was will Köb (65), außer, wie er sagt, Ordnung schaffen? Vielleicht nach Ende seines Mumok-Vertrages 2010 in die Secession zurückkehren? Die Etablierung eines Museums für zeitgenössische Kunst auf der Donauplatte wird Köb nicht mehr gelingen, in der Secession kann er seine Ideen, Konzepte modellhaft vorführen, als einer, der halbwegs zwischen Kunstmarkt und Künstlern steht. Interesse an der Führung der Secession wurde auch Stefan Schmidt-Wulffen nachgesagt, bevor er die Rektorswahl an der Kunstakademie neuerlich gewann.
Wenn Holub zurücktreten muss, wird sie vielleicht durch eine andere Frau ersetzt. Damit es nicht heißt, die bösen Männer hätten die Dame rausgekickt. Als Holub-Nachfolgerin genannt wird Eva Schlegel.
Nicht nur, weil es kein Gehalt gibt, ist die Präsidentschaft der Secession für viele kein Sehnsuchtsposten: Weil ein Künstler sich in dieser Zeit nur schwer um die eigene Karriere kümmern kann. Weil er sich mit Statuten und Paragrafen herumplagen muss. Weil er das Einvernehmen mit seinem Vorstand braucht, was bei egozentrischen Kollegen nicht immer leicht ist. Wer gut verdient und berühmt ist, braucht das alles nicht.
Immerhin hat die Secession ein paar finanzielle „assets“: Die Erste Bank als Sponsor gibt 219.000Euro. Von der öffentlichen Hand (Stadt Wien, Bund) kommen 530.000 Euro. Das Gebäude gehört der Stadt, die es erhalten muss. Bei den stattlichen Besucherzahlen (über 100.000) helfen maßgeblich die Touristen und das Beethoven-Fries.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2007)