Der berühmteste Jazzmusiker aus Österreich ist im Wiener Wilhelminenspital gestorben.
Tarockieren wolle er die Welt lehren, soll er gesagt haben, als es ihn 1959 nach Amerika zog, mit drei Schnitzelbroten im Gepäck, den Joe Zawinul aus dem dritten Bezirk. Ob ihm das gelungen ist, ist zweifelhaft, aber zumindest der Jazzwelt hat er sehr viel beigebracht: Wie man elektrischen Jazz spielt. Wie heimisch man in der Musik aus aller Welt sein kann. Wie zwingend Melodien sein können.
„Wödmaster-Partie“ hat er seine große Formation Weather Report schon genannt, als es noch ein seltenes Vergnügen (für Journalisten) war, ihn Wienerisch reden zu hören; dass er auch selbst ein Weltmeister war, musste er nicht sagen, das war allen klar. Das konservative Jazzmagazin „Down Beat“ wählte ihn noch alljährlich zum „Keyboarder des Jahres“, als seine Sounds schon nicht mehr ganz so revolutionär klangen...
Gründervater des Rock-Jazz
Sein erstes Instrument war bezeichnenderweise nicht das Klavier, sondern, mit viereinhalb Jahren, ein Akkordeon, auf dem, wie er einmal erzählte, schon sein Vater sich auf Wah-Wah-Effekte verstand. So lernte er zwar „klassisch“ Klavier am Wiener Konservatorium (Studienkollege war u.a. Friedrich Gulda) war auch ein feiner Pianist, geschätzt von allen seinen Bandleadern, konnte sich aber schnell für die elektrischen Keyboards begeistern. Und begeisterte wiederum den großen Miles Davis: Der hörte, wie Zawinul bei Cannonball Adderley auf „Mercy Mercy Mercy“ das E-Piano spielte, und bat ihn zu sich. Elektrifizierung und Funk-Rhythmen lagen in der Luft, „Fusion“ hieß der Stil bald, später „Rock-Jazz“.
Schon das erste Album dieser Kooperation wurde zum Meilenstein: Auf „In A Silent Way“ (1969) spielten auch Chick Corea und Herbie Hancock, doch von Zawinul war das wunderschöne, wie durch schwere Wolken leuchtende Titelstück, das auf seiner zwei Jahre später erschienenen ersten Soloplatte kurioserweise als „impressions of Zawinul's days as a shepherd boy in Austria“ beschrieben wurde. Auch auf dem nächsten bahnbrechenden Davis-Album („Bitches Brew“, 1970) füllt eine Zawinul-Komposition („Pharaoh's Dance“) eine ganze Seite.
„Mysterious Traveller“
„Um solche Musik spielen zu können, muss man innerlich frei sein, eine farbige Frau haben, zwei beigefarbene Kinder und zwei Klaviere aus Wien“, schwärmte Miles Davis über den seit 1963 mit dem ersten schwarzen Playboy-Model verheiraten Zawinul – und hatte ein Einsehen, als der 1970 abermals aufbrach und mit dem ebenfalls von Miles Davis gekommenen Saxofonisten Wayne Shorter eine Band gründete, die den Rock-Jazz prägte wie keine andere, auch dauerhafter war als alle anderen: Weather Report.
„We always solo and we never solo“: Diesen Slogan prägte er selbst für den bald sanft brodelnden, bald wild meditativen Stil dieser Formation, der spätestens auf dem dritten Album „Sweetnighter“ funktionierte: „Boogie Woogie Waltz“ hieß ein langes, zündendes Stück, das tatsächlich drei und vier Viertel organisch verband. Dann kam „Mysterious Traveller“ (1974) mit dem ebenso programmatischen Stücktitel „Nubian Sundance“: Joe Zawinul wollte jetzt die ganze Welt musikalisch entdecken, ließ sich aus Afrika, Lateinamerika, Fernost inspirieren, ganz, wie's kam. Dabei halfen ihm, schon bei Weather Report und bis zuletzt, Musiker – vor allem Perkussionisten – aus allen Ländern. Seiner ersten Entdeckung, New York und dessen Jazzszene, widmete er indessen auf der reifsten Weather-Report-Platte ein Stück: „Birdland“ auf „Heavy Weather“ (1977). Von unzähligen Kollegen nachgespielt, am erfolgreichsten wohl von Manhattan Transfer, ist dies eine der typischen, unverwechselbaren Zawinul-Melodien.
Mit Ausnahme vielleicht des ewig heiteren Chick Corea ist Zawinul der einzige Jazzer seiner Generation, den auch der Laie sofort an seiner Melodik erkennt: nachdenklich und euphorisch, lieblich und vertrackt zugleich, sogar in Momenten der Trauer noch optimistisch. Wie im majestätischen „A Remark You Made“, in dem er, in typischem Großmut, seine kongenialen Mitmusiker Wayne Shorter und Jaco Pastorius brillieren ließ: eine würdige Erinnerung.
Im August 2007 wurde Joe Zawinul, erschöpft von einer letzten Tournee, mit der Rettung ins Wiener Wilhelminenspital gebracht. Dort ist er gestern, Dienstag, kurz vor fünf Uhr früh an Hautkrebs gestorben.
JOE ZAWINUL: Kurz-Bio
Geboren am 7.7.1932 in Wien als Josef Erich Zawinul. 1954 Mitbegründer der „Austrian All Stars“. 1959 Übersiedlung in die USA. Pianist bei Maynard Ferguson, Dinah Washington, Cannonball Adderley. 1969 an stilprägenden Miles-Davis-Alben („In A Silent Way“, „Bitches Brew“) beteiligt.
„Weather Report“ mit Wayne Shorter von 1970 bis 1986. Danach „Zawinul Syndicate“ und Soloalben, zuletzt „Brown Street“ (2006), Dokument von gelungenen „Birdland“-Abenden mit WDR-Bigband.
Kompositionen (Auswahl): „Mercy Mercy Mercy“, „Country Preacher“, „In A Silent Way“, „Birdland“, „A Remark You Made“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2007)