Alle sollen zur gleichen Zeit unproduktiv sein, Ruhe soll einkehren, der Markt brachliegen.
Wenn Menschen, die sich auf höhere Instanzen berufen, etwas verkünden, hören alle genau das heraus, was ihnen wichtig scheint. Ich auch. Mir hat, wiewohl ich den Papst bei allem Respekt nicht für den Stellvertreter Christi auf Erden halte, seine Aussage zur Sonntagsruhe, dieser wesentlichen kulturellen Errungenschaft, sehr gut gefallen.
Es war voraussehbar, dass sich etliche Kommentatoren beeilten, die Aussage des Papstes zu relativieren: Ihm sei nicht die Arbeitsfreiheit wichtig, sondern der Gottesdienst. Menschen, die nicht die – natürlich römisch-katholische! – Kirche besuchen, hätten eigentlich gar keinen Anspruch auf einen freien Sonntag. Also: Alles okay mit schrankenlosen Ladenöffnungszeiten, solange den Handelsangestellten, die unbedingt in die Messe wollen, das freisteht.
Das halte ich für ein grobes Missverständnis. Das vierte Gebot des Juden- und Christentums lautet nicht „Du sollst am Sabbat/Sonntag in die Synagoge/Kirche gehen“, sondern, laut Exodus, Kapitel 20: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinem Stadtbereichen Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.“
Das Gebot, keine Arbeit zu tun, gilt wohlgemerkt auch für Sklaven und Fremde, also sicher auch für Nichtangehörige der Religion, die das vorschreibt. Zum Beispiel im heutigen Österreich für Moslems.
Es geht nämlich nicht darum, dass die Braven und Frommen einen Tag dafür reservieren, besonders brav und fromm, aber dafür ausnahmsweise ein bisschen faul zu sein. Sondern darum, dass alle Mitglieder einer Gemeinschaft zur gleichen Zeit unproduktiv sind, darum, dass das Kaufen und Verkaufen Pause macht, der Markt brachliegt, dass Ruhe einkehrt, dass an diesem einen Tag alles leiser und langsamer ist. Wer je bewusst die geradezu überirdische Stille eines Sonntags auf der Kärntner Straße oder am Graben wahrgenommen hat, versteht, was gemeint ist. (Solche Erlebnisse könnten übrigens sehr wohl mitverantwortlich für die Begeisterung vieler Wien-Touristen sein.)
Doch wie eine Schweigeminute zerbröckelt, wenn die Teilnehmer verschiedene Uhrzeiten messen: Solche gemeinsame Ruhe funktioniert nicht, wenn jeder für sich einen freien Tag pro Woche aussucht (und die Scheibbser, nach der Idee Herzmanovsky-Orlandos, einen zweiten Donnerstag dazu, was eine zweite „Metaware“ pro Woche mit sich brächte, bewahre!).
Aber so ganz strikt lässt sich das Sonntagsgebot doch nicht halten? Natürlich nicht. Selbst die orthodoxesten Juden akzeptieren Heilungen am Sabbat; kein Christenmensch, dem am Sonntag die Milch ausgeht, soll sich schämen, wenn er zum Bahnhof fährt, um eine zu besorgen; und, ja, wir werden Ihre Montagszeitung weiterhin ohne lautes Murren schreiben. Aber Sonntagsarbeit soll eine Ausnahme bleiben, eine bewusst begangene Störung der Ruhe.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2007)