Körperbetontes Multitasking

Die PResse (Bruckberger)
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Tanzquartier-Chefin Sigrid Gareis will in Wien ein Haus für alle Schichten der Gesellschaft haben – und mit Elfriede Jelineks „Über Tiere“ unter die Haut gehen.

Wien ist die heimliche Hauptstadt des zeitgenössischen Tanzes.“ Vor einigen Jahren hätte TQW-Chefin Sigrid Gareis das nicht unterschrieben. Vor ihrer Abreise in Richtung Österreich hatten sie deutsche Kollegen noch gewarnt: „Wien? Wie langweilig!“ 2001 hat die Stadt Wien das Tanzquartier geschaffen – als Spartenhaus für zeitgenössischen Tanz und Performance –, 2,9 Millionen Euro jährlich erhält das TQW dafür aus der städtischen Hand. Dass die alten „Scheuklappen“ gegen den Tanz, vor allem gegen den zeitgenössischen, schwinden, das habe nicht nur mit den Anstrengungen des TQW zu tun, auch Impuls-Tanz und das Image-Festival hätten viel zur positiven Entwicklung beigetragen, meint Gareis.

Die Zielgruppe definiert sich von selbst: „Tanz setzt sich bei jungen Besuchern immer mehr durch, er ist eine sehr zeitgemäße Kunstform – im Vergleich zu anderen Formen der darstellenden Kunst haben wir die jüngste Zielgruppe.“ Warum? Gareis nennt die Körperbetontheit und die Mehrschichtigkeit, das Multitasking: „Das entspricht einer jungen, computergewöhnten Generation.“ Schade findet sie, dass sich fast nur ein hoch gebildetes Publikum für die Körperarbeiten interessiert: „Wir haben viele Studenten, Leute aus dem bildenden Kunstbereich und Besucher, die zeitgenössische Komposition studieren. Nur Matura plus. Manchmal ist es mir fast zu viel.“ Gareis will neue gesellschaftliche Schichten erobern, will mit dem Tanzquartier in den Gemeindebau – mit speziellen Vermittlungsprogrammen, speziellen Workshops und Probenbesuchen. „Wir haben die Verpflichtung, unseren Wirkungsbereich auszuweiten. Wir müssen auch andere soziale Gruppen an zeitgenössische Formen der Kunst heranführen.“ Zum Massenphänomen wird der zeitgenössische Tanz wohl nicht werden.

Auslastung von 72,5Prozent

Es gibt aber Erfolge: 46.800 Besucher kamen in der abgelaufenen TQW-Saison (es war die sechste) zu den Performances, Workshops, Trainings und Vorträgen – um 5% mehr als im Vorjahr und deutlich mehr als in der ersten Saison 2001/02 mit 22.133Besuchern. Bei einer durchschnittlichen Auslastung von 72,51% bereitet es Gareis auch kein Kopfzerbrechen, dass in manchen Vorstellungen nur eine Handvoll Leute sitzen. Über die junge österreichische Szene ist Gareis erstaunt: „Das ist wie eine Implosion, plötzlich gibt es sehr guten Nachwuchs. Die Künstler haben sich professionalisiert, und das Training hat sich gebessert.“ Die Luft in der Szene habe sich „atmosphärisch verdichtet“: „Man strengt sich an, weil es dafürsteht.“
•Anstrengen wird sich unter anderem die Trisha Brown Dance Company, die mit „Early Works“ in die Zeit der Avantgarde der Siebzigerjahre zurückgeht. Für Gareis steht dieses Stück „freudiger Konzeptionalismus“ auf der Empfehlungsliste. (20. bis 22.9.)
•Ebenso Christine Gaiggs „Über Tiere“, eine sehr puristische Spracharbeit nach Elfriede Jelinek. Ein unter die Haut gehendes Stück über Menschenhändler, junge Mädchen aus Osteuropa und ihre Freier, die sich auf „Naturfranzösisch“ verstehen. (25. bis 28.10.)
•Meg Stuart und Philipp Gehmacher zeigen „Maybe Forever“, einen Dialog zwischen Gehmachers minimalistischer Strenge und Stuarts expressiver Körpersprache. (6. bis 8.12.)
•Und Sasha Waltz, Choreografin des Jahres, kehrt zum 15-jährigen Kompanie-Jubiläum zu jenem Stück zurück, das den Weltruf der Kompanie begründete: „TravelougeI“. (15., 16.2.)
•2008 kommen u.a. Boris Charmatz (17. bis 19.1.), The Forsythe Company (24., 25.1.) und Raimund Hoghe (2. bis 5.4.).

IN ZAHLEN

Das Tanzquartier Wien (TQW) wurde 2001 gegründet. In der ersten Saison kamen 22.133 Besucher, 2006/07 waren es 46.799. Auslastung: 72,51Prozent.

Am 13.September ist Saisoneröffnung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2007)

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