Imageproblem. In der schlechten EU-Stimmung keimen atemberaubende Geschichten über den bürokratischen Irrsinn in Brüssel. Doch so schlimm ist der dann doch nicht.
WIEN. Oh Gott, diese EU! Sie ist fernab, unübersichtlich und bürokratisch. Und weil sie so ist, wird sie auch beliebtes Ziel absurder, böser und nicht immer wahrheitsgemäßer Attacken. Die jüngste Meldung, die EU verbiete Orchestern laut zu spielen, ist nur ein Beispiel von weit verbreiteten Mythen, die allesamt Brüssel das Image eines völlig abgehobenen bürokratischen Molochs verleihen.
Manchmal sind es durchaus witzige Behauptungen, die da in der latent europakritischen Stimmung keimen: „Die EU schreibt Bauern vor, dass sie ihre Kühe auf Matratzen betten“, hieß es etwa. Oder: „Die Brettljause ist durch eine EU-Hygienevorschriften bedroht.“ Doch auch diese beiden Nachrichten, die in Österreich durch einige Medien gingen, entsprechen nicht der Wahrheit. Von Kuh-Matratzen ist im EU-Recht ebenso wenig zu lesen wie von Brettljausen.
Viele dieser Mythen entstanden, weil EU-weit Gesetze vereinheitlicht wurden, die Kommunikation darüber aber ein Eigenleben entwickelte. Und weil es tatsächlich manch seltsame EU-Regeln gibt, finden sich selbst gut gemeinte Brüsseler Vorstöße für besseren Arbeitnehmer- oder Konsumentenschutz in negativen Schlagzeilen wieder. „Mit manchen Gesetzesinitiativen ist es wie mit der Stillen Post“, weiß ein EU-Beamter. Was am Anfang eine gut gemeinte Verbesserung war, werde nach langem, variantenreichen Weitererzählen zur böswilligen Brüsseler Schikane.
„Die Gründe für solche Mythen sind vielfältig“, ist der Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Wien, Karl Doutlik, überzeugt. Es liege manchmal an übereifrigen Beamten, die Richtlinien selbst interpretieren, an bewussten Manipulationen europaskeptischer Gruppen und auch an so mancher launiger Übertreibung bei Stammtisch-Diskussionen, die dann größere Kreise ziehe. „Am Ende ist von der Wahrheit nichts mehr übrig.“ Der Kommissionsvertreter gibt allerdings auch zu bedenken, dass solche Verunglimpfungen eine Folge der schlechten EU-Stimmung seien. „Der Bodensatz ist da, auf dem eine solche Germ wachsen kann“, so Doutlik.
LEXIKON
Mythen. Ursprünglich ein religiöser Begriff, steht er heute für nicht verifizierbare kollektive Erinnerungen – eine Mischung aus Erzählungen, Überlieferungen und Vorurteilen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2007)