INTERVIEW. Die „Presse“ sprach vor einem Jahr mit M., dem Chef der Islamischen Jugend, der nun als al-Qaida-Sympathisant verhaftet wurde. Auszüge aus dem Gespräch.
Vor knapp einem Jahr hat die „Presse“ ein langes Interview mit M., einem der nun verhafteten Verdächtigen, geführt. Wir haben uns damals nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, das Gespräch nicht zu drucken, weil wir befürchteten, damit einer kleinen Splittergruppe über Gebühr zu Bekanntheit und Prominenz zu verhelfen. red.
Die Presse: Was sind die Ziele, die der Verein Islamische Jugend in Österreich verwirklichen will?
M.: Wir leben hier in Österreich – das ist ein Fakt. Das heißt noch lange nicht, dass man seine Kultur oder Religion vergessen sollte. Man sollte sich auch nicht anpassen, sondern sich zeigen. Zeigen heißt nicht, dass man irgendwas abfackelt, sondern zeigen heißt, dass man das sagt, was man will, und das vertritt, was man denkt.
Das heißt, Sie fordern, dass man sich mehr auf den Koran beruft?
M.: Auf Koran und Sunna, und das mit Konsequenzen für das Leben in Österreich.
Wie sieht es mit einem Bekenntnis zur Demokratie aus? Demokratie steht nicht im Koran.
M.: Demokratie heißt, dass das Volk sich selber regiert, und das ist im Islam nicht in Ordnung. Wenn man unter Demokratie versteht, dass das Volk sich selber regiert, gibt es einen Widerspruch. Allahs Gesetze sind nicht für Menschen da, damit sie darüber entscheiden, ob man das macht oder nicht.
Wie können sich Moslems dann in Österreich artikulieren, wenn sie nicht demokratisch legitimiert mitarbeiten wollen oder können?
M.: Ja, das ist eine sehr wichtige Frage. Ich sage, sie dürfen sich nicht an einer Wahl beteiligen, sie dürfen da nicht mitmachen. Sie dürfen im Parlament nicht sitzen. Aber natürlich können sie politische Arbeit machen, z.B. die Arbeit, die wir machen. Oder sie können mit ganz normalen Mitteln ihre Meinung vertreten.
Was sind das für Mittel?
M.: Etwa durch Vorträge, durch Öffentlichkeitsarbeit, wenn sie irgendwas schreiben für Zeitschriften, Magazine, Medien halt. Indem sie über den Islam reden und zeigen, was der Islam wirklich ist.
Sollen sich Muslime auf das Land beschränken, in dem sie leben?
M.: Die ganze islamische Welt ist aus islamischer Sicht ein Land. Und deswegen ist es auch die Pflicht von Muslimen, wenn einem Moslem irgendwas auf der anderen Seite der Erde passiert, dass er ihm hilft. Das bedeutet solidarisch sein. Jeder muss schauen, wie er seinen Glaubensbrüdern helfen kann.
Darf man im Ausland kämpfen?
M.:Ich muss an den Ort des Jihad gehen. Das sind die besetzten Gebiete, z.B.: Palästina, Irak, Afghanistan, Kaschmir, Tschetschenien. Das sind Gebiete, die besetzt sind, und das sind auch natürlich Orte, wo der Kampf legal ist. In diesen Regionen ist es erlaubt, sich zu verteidigen, und daher ist es legitim, dass man den Feind bekämpft.
Wie sehen Sie die Anschläge von New York, London. Ist das legitim?
M.: Es sind dort sehr arge Sachen passiert, es hat sehr großen Schaden verursacht für die Bevölkerung. Aber wenn man sich das genauer anschaut, dann muss man fragen, warum ist das passiert, und nicht, wie ist es passiert. Warum wurden die USA angegriffen? Das passierte aus vielen Gründen. Die USA waren politisch und militärisch gesehen immer gegen Muslime.
Das heißt, es ist auch legitim, die USA anzugreifen?
M.: Ich sage nicht, dass es legitim ist. Ich bin kein Gelehrter, dass ich das entscheiden kann.
Sie verurteilen es also auch nicht?
M.: Ich verurteile alle Anschläge gegen unschuldige Leute.
Und da sind ziemlich viele unschuldige Leute gestorben.
M.: Es kommt darauf an, was man unter unschuldig versteht.
Die Amerikaner, die Briten, die bei den Anschlägen ums Leben gekommen sind. Sind das Unschuldige?
M.: Natürlich sind darunter sehr viele unschuldige Leute.
Aber wer macht sich schuldig?
M.: Schuldig ist – islamrechtlich gesehen – jeder, der mit einer Waffe, einer Meinung oder mit Geld gegen den Islam kämpft.
Darum geht es nicht. Wer hat diese Anschläge begangen?
M.: Ich sag: Es sind unschuldige Leute gestorben, aber wer ist schuld daran? Schuld daran sind nicht die Leute, die das gemacht haben. Ich sage nicht, dass das legitim ist. Aber ich sage, die Regierungen sollten ihren Völkern sagen, warum das passiert ist. Dass in erster Linie nicht Osama bin Laden schuld ist. Und ich sage, es gibt das Recht, dass man sich wehrt, dass man seinen Brüdern helfen muss, wenn sie in Not sind.
Schuld daran sind also nicht die Terroristen, die die Flugzeuge gelenkt haben?
M.: Nicht daran. Ich meine die amerikanischen Regierungen, die seit 1948 Israel helfen und unterstützen und die Soldaten in arabische Länder geschickt haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2007)