Wilde Küste ohne wilde Tiere

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Menschen, hautnah. Sanfter Tourismus an Südafrikas Wild Coast: Einheimische führen durch eine der letzten unberührten Küstenlandschaften des Landes. Abenteuer mit Familienanschluss.

Wo ist denn nur dieses Dorf? Nicht, dass jemand was einzuwenden hätte gegen den Fußmarsch, nach all den Stunden im VW-Bus. Und dass man auf die Weg-Zeit-Angaben der Führer immer etwa ein Drittel draufschlagen muss, hatte sich in den vergangenen Tagen auch gezeigt. Fünf Kilometer hieß es.

Jetzt geht es bald schon zwei Stunden am Strand entlang, immer nach Süden, immer in den Spuren Christophers und seines Pferdes. Die Informationen fließen spärlich. Klar ist nur, dass wir die Nacht traditionell südafrikanisch verbringen werden. Was das bedeutet? Jeder hat da seine eigenen Vorstellungen – und Ängste.

Einstweilen aber bietet die Natur Ablenkung. Es ist ein lichtintensiver Spätsommerabend an der Ostküste Südafrikas. Genauer: an der Wild Coast. Wilde Küste ja, wilde Tiere nein. Zumindest nicht so viele wie gewohnt in Südafrika. Die Küste heißt so, weil die ersten Europäer hier unfreiwillig an Land gegangen waren – als Schiffbrüchige des in diesen Breiten besonders stürmischen Indischen Ozeans. Die einzigen wilden Tiere an diesem Abend bleiben kleine Krebse am Strand.

Es scheinen sich hier alle Landschaftstypen des Kontinents auf kleinem Raum zu vereinen: das smaragdgrüne Meer, in das gelbe Sandstrände, Dünenlandschaften und felsige Kaps reichen; ein Gürtel von jahrhundertealtem, niedrigstämmigem Dünen-Urwald, durch den sich Flüsse ins Meer winden; und dahinter grüne Weiden, wellenartig ins Land rollend, gespickt mit türkisfarben, rot und hellblau getünchten Rundhäusern, in denen 90 Prozent der Menschen hier wohnen.

Nun geht es weg vom Strand und weg vom Indischen Ozean, der auch noch aus einiger Entfernung den Geruch eines gut durchlüfteten Fischladens verströmt. Christopher, der Führer, biegt nach rechts, wo sich, in der Dämmerung heftig pfeifend und quietschend, der Dünenurwald zu einem kleinen sandigen Pfad hin öffnet. Nun sei es nicht mehr weit, sagt er, hinter dem Waldstreifen auf den Anhöhen befinde sich das Nachtlager.

Er eröffnet uns nun, dass es sein Haus und seine Familie sein würden, die uns diese Nacht bewirten. Zum ersten Mal, betont er stolz. Denn bisher logierten die Teilnehmer der zwei- bis sechstägigen Trecks immer in Zeltlagern. Öfter schon hätten ihn Gäste nach der Möglichkeit gefragt, in Dörfern oder bei Familien zu wohnen. Und genau das sei es, was er nun versuchen wolle.

Alle arbeiten mit

„Amadiba Adventure“ nennt sich das gemeinnützige Tourismusprojekt, das bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde und seit drei Jahren von der Europäischen Union finanziell unterstützt wird.

Ausschließlich die Bewohner der umliegenden Dörfer arbeiten und verdienen daran. Mehr als 60 Menschen aus dem strukturschwachen Gebiet, das zum ehemaligen Homeland Transkei gehört, haben auf diese Weise ein geregeltes Einkommen: als Führer, Pferdehalter, als Köchin oder Fährmann. Denn die insgesamt 25 Kilometer des „Amadiba-Trails“ können aktiv absolviert werden: Man reitet über den Strand, wandern durch den vogelreichen Urwald oder paddelt durch die vielen Flüsse, die hier ins Meer münden. Keine gefährlichen Tiere, keine Malaria, dafür Menschen hautnah.

In der Ferne, die Dunkelheit war schnell gekommen, ist nun ein flackerndes Licht zu sehen. Das Dorf? Kurz davor begrüßen uns drei Frauen mit strahlenden Gesichtern. Die zwei Jüngeren verschwinden schnell wieder, Christophers Frau geleitet uns in ein rechteckiges, aus Ziegeln gebautes Haus, ein paar runde Lehmhütten stehen drumherum: Kein Dorf, sondern eine „Homestead“, wie es hier treffend heißt, die „Heimstatt“ einer einzigen Familie also.

Im Inneren des Hauses steht in der Mitte eine große Tafel voll mit Süßkartoffeln, Huhn, Reis, Früchten und Kannen mit Rotbusch-Tee. Zwei Kerzen brennen auf alten Instant-Kaffeedosen, ringsum an den Wänden stehen Stühle. Die Wände sind grau, unverputzt, schmucklos.

Trotzdem ist es wärmer und gemütlicher als in manchem mitteleuropäischem Wohnzimmer. Vielleicht wegen der Kerzen, wahrscheinlich aber der vielen Kinder wegen: Während des Essens hatte es hinter einem weißen Vorhang aus dem Nebenraum gekichert, gegluckst und geklickt. Ja, geklickt, denn die Xhosa-Sprache kennt drei verschiedene Schnalz- oder Klicklaute.

Irgendwann schiebt jemand den Vorhang zur Seite. Dahinter stehen die zwei Frauen von vorhin, Köchinnen aus dem Nachbardorf, und vor ihnen, auf dem Boden stehend, liegend, sitzend, eine zunächst unüberschaubare Anzahl von Kindern. Der Kleinste, vielleicht zwei Jahre alt, beginnt sofort zu weinen, als er die Fremden sieht. Zwei Mädchen in weißen Kleidern, etwa acht Jahre alt, amüsieren sich indes prächtig.

Die Enkel bleiben bei Oma

Acht Kinder sind es insgesamt, zwischen zwei und zwölf Jahren. Es sind allesamt Enkel von Christopher und seiner Frau Silvia. Sie wachsen bei den Großeltern auf, weil ihre Eltern in der Millionenstadt Durban arbeiten. Eineinhalb Stunden Fußmarsch zur Schule, kein Strom, kein fließendes Wasser, aber Fröhlichkeit.

Christopher weiß, wovon er spricht. Er hat das Elend in den Großstädten gesehen, war Goldminenarbeiter in Johannesburg, Hafenarbeiter und Gemüsehändler in Durban, bevor er hier Fremdenführer und Gemüsebauer wurde. „Es war hoch an der Zeit, dass wir so mit euch zusammensitzen können“, sagt er. Zwar habe das Ende der Apartheid 1994 nicht nur Gutes gebracht und zum Verlust von Arbeitsplätzen, Traditionen und alten Sitten geführt. „Aber dass schwarze Menschen in ihrer Gegend selbst Geschäfte machen können, von gleich zu gleich, das ist der entscheidende Gewinn für uns.“ Erstes, orangefarbenes Morgenlicht fällt durch die halb geöffnete Tür in der Lehmhütte. Von Osten kommt alles Gute, davon sind die naturverbundenen Einheimischen überzeugt, deswegen öffnen sich die Rundhütten in diese Himmelsrichtung.

Solarmodul fürs Mobiltelefon

Christopher zieht es vor, mit seiner Familie im solideren Ziegelhaus zu schlafen – die grasgedeckten Lehmhütten wurden nur für die Touristen gebaut. Das kann noch nicht lange her sein, denn der Lehm ist noch so feucht, dass man mit dem Finger Dellen hineindrücken kann. Es schlief sich jedoch vorzüglich darin.

Draußen, es ist halb sieben, herrscht Geschäftigkeit. Schwarze Kinderbeine laufen über rötlichen Sand. Eines der Mädchen von gestern Abend, das Kleid nicht mehr ganz so weiß, balanciert auf seinem Kopf eine grüne, mit Wasser gefüllte Gießkanne. Sie trägt sie zu der offenen Feuerstelle in einem Wellblechverschlag. Dort braten die Frauen in großen Pfannen Eier und kochen Tee. An der Hauswand steht ein Käfig, darin ein zebraartig gestreiftes Huhn. Ein Kind öffnet den Draht-Deckel, das Huhn flattert auf, schaut sich um, springt heraus und pickt gierig die Kerne, die das Mädchen aus einem Maiskolben bricht.

Der Großvater lässt indes aus seinem Schlafzimmerfenster ein schwarzes Kabel baumeln. Er steckt es in ein tablettgroßes Solarmodul, das an der Hauswand lehnt – das Mobiltelefon will aufgeladen sein. „Und mit der Kraft der südafrikanischen Sonne“, sagt er, „geht das sehr schnell“.

Anschließend will er seine Quelle präsentieren – den Grund, weshalb das Haus dort steht, wo es steht. Durch Felder mit Mais und Ananas geht es in ein kleines Tal, wo zwischen Büschen ein starker Wasserstrahl herausschießt. „Fresh water, nice water, clean water!“ ruft er.

Nach dem Frühstück wird es ernst: Auf den Wiesen weiden gesattelte Pferde, von ihren Besitzern aus Nachbardörfern hergebracht. Der Ritt nach Süden beginnt. Wale, Delfine und riesige Sardinenschwärme soll es hier geben, Affen, Zebras und Antilopen. Außer einem angeschwemmten toten Hai sehen wir nichts. Aber wer braucht schon wilde Tiere an der wilden Küste?

SANFTE SCHRITTE

Anreise: siehe Flüge der Woche; u. a. tägl. mit South African Airways ab Wien via Frankfurt nach Kapstadt.
www.flysaa.com

Arrangement: Trips mit dem Pferd inkl. Mahlzeiten, Übernachtung, Kanufahrten bei Amadiba Adventures (Mzamba Craft Village, amadiba@euwildcoast.za.org). Südafrika pauschal: u. a. bei Kneissl Touristik

Infos: South African Tourism, T0049/69/92 91 20-0; www.southafrica.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2007)

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