Konjunktur. Die US-Notenbank wird die Leitzinsen vermutlich bald senken und bringt damit die Europäische Zentralbank unter Zugzwang. Europas Exportwirtschaft leidet immer stärker unter dem starken Euro.
WIEN (dom/ag). Um die Auswirkungen der Immobilienkrise auf die amerikanische Konjunktur zu dämpfen, wird die US-Notenbank in der kommende Woche voraussichtlich die Leitzinsen senken. Sie liegen derzeit bei 5,25 Prozent und könnten auf fünf oder sogar auf 4,75 Prozent zurückgenommen werden. Damit kommen die Falken in der Europäischen Zentralbank (EZB), die für eine restriktive Geldpolitik plädieren, immer stärker unter Druck.
In der Eurozone liegen die Leitzinsen derzeit bei vier Prozent. Die EZB hatte in der Vorwoche eine – ursprünglich allgemein erwartete – weitere Zinserhöhung auf 4,25 Prozent vorerst abgeblasen. Sie verschaffte damit den nervösen Finanzmärkten die dringend notwendige Verschnaufpause. Nun steigt der Druck auf die EZB, auch in Europa die Leitzinsen zu senken. Zuletzt hatte in dieser Woche BA-CA-Vorstand Wilhelm Hemetsberger eine solche gefordert.
Dass die Lage an den internationalen Finanzmärkten weiterhin angespannt ist, zeigt etwa die Krise beim britischen Baufinanzierer Northern Rock (siehe nebenstehender Artikel). Eine Beruhigung sei keine Frage von Wochen, sondern eher von Monaten, meinte dazu Erkki Liikanen, Chef der finnischen Notenbank und Mitglied des EZB-Rates. Etwas mehr Klarheit dürfte es bereits in der kommenden Woche geben, wenn die großen US-Banken Lehman, Morgan Stanley, Goldman Sachs und Bear Stearns ihre Ergebnisse für das dritte Quartal 2007 vorlegen werden.
Kredite wurden bereits teurer
Die Inflationsentwicklung bietet derzeit keinen Grund, die Zinszügel straffer zu ziehen. Im August lag die Inflation in der Eurozone bei 1,7 Prozent und damit deutlich unter der von der stabilitätsbewussten EZB angepeilten Zwei-Prozent-Marke. Der Höhenflug der Ölpreise dürfte allerdings in den kommenden Monaten die Teuerung anheizen. In dieser Woche hatte der Rohölpreis mit mehr als 80 Dollar je Fass (je 159 Liter) ein neues Allzeit-Hoch erreicht. Ob man darauf mit einer Zinserhöhung reagieren muss, ist allerdings unter Experten strittig. In den USA wird von der Notenbank eher die Kerninflation zur Beurteilung herangezogen, bei der Energie-, Nahrungsmittel- und Tabakpreise nicht einbezogen werden.
Der Euro kletterte in dieser Woche gegenüber der US-Währung auf ein neues Rekordhoch von 1,39 Dollar. Wenn die US-Leitzinsen sinken, wird er weiter zulegen. RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek rechnet mit einem Anstieg auf 1,41 oder gar 1,42 Dollar. Für die Konjunktur in Euroland, die angesichts schwacher Privatnachfrage noch immer stark von den Exporten gestützt wird, wird der harte Euro immer mehr zum Problem. Für Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl liegt der Eurokurs derzeit bereits „nahe an der Schmerzgrenze“. Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädiert sogar dafür, den schwachen Dollar durch Stützungskäufe etwas nach oben zu hieven. „In dieser Situation ist alles, was sich nachteilig für den Export auswirkt, ein Problem, und dazu zählt der steigende Euro,“ so Bofinger.
Weitere Geldspritzen nötig
Ob sich die EZB tatsächlich zu einer Senkung der Leitzinsen durchringen wird, bezweifeln Experten. Viel wichtiger ist aber, dass sie ebenso wie die anderen großen Notenbanken wie schon in den vergangenen Wochen weiterhin Milliardenbeträge bereitstellt, um den Geldmarkt vor dem Austrocknen zu bewahren. Wegen der allgemeinen Unsicherheit horten die Banken seit einiger Zeit weltweit ihr Geld. Diese Entwicklung ließ in den vergangenen Wochen die Geldmarktzinsen deutlich steigen. Vor dem Ausbruch der US-Immobilienkrise lag der Zinssatz für Dreimonatsgeld in der Eurozone bei rund 4,10 Prozent, er schoss dann bis auf 4,80 Prozent nach oben. Dadurch sind die Kredite für die Wirtschaft und die Konsumenten deutlich teurer geworden.
Wenn es der EZB gelingt, durch weitere Milliardenspritzen die aus dem Ruder gelaufenen Geldmarktsätze wieder nach unten zu bringen, hätte das auf die Kreditnehmer und damit auf die Konjunktur eine ebenso positive Wirkung wie eine offizielle Senkung der Leitzinsen, meinen Experten.
AUF EINEN BLICK
Die EZB ließ zuletzt die Zinsen unverändert. Wenn die US-Leitzinsen gesenkt werden, steigt der Druck auf die Europäer, die Zinszügel ebenfalls zu lockern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2007)