Eine kleine Moschee in Wien Neubau war das Zentrum des radikalen Umfelds des Hauptverdächtigen. Ein hoher muslimischer Geistlicher hatte bereits vor Monaten auf radikale Zellen hingewiesen.
WIEN. „Die Namen kennt jeder. Es muss dringend etwas unternommen werden.“ Es war nicht etwa ein Polizeibeamter oder ein Rechtsaußen-Politiker, der so über Mitglieder extrem islamistischer Wiener Zellen sprach, sondern ein hoher muslimischer Geistlicher. Mustafa Ceric, Großmufti von Sarajewo, warnte kürzlich eindringlich: Es gebe in Wien „Netzwerke und Zentren“ extremer Islamisten, deren Aktionsradius sich bis Sarajewo erstrecke. Solange die Behörden der Logik folgen, „dass diese Gruppen ihnen nichts tun und sie ihnen auch nichts tun, können diese Kräfte tun und lassen, was sie wollen“, so der Großmufti.
Nun haben die österreichischen Behörden etwas getan: Drei Verdächtigte wurden, wie berichtet, am Mittwoch in Österreich verhaftet, später ein vierter Mann in Kanada. Während M. und seine Frau – Wiener mit ägyptischen Eltern – und ein Helfer mit pakistanischen Wurzeln vor allem der Propaganda für das Terrornetzwerk al-Qaida beschuldigt werden, soll der gebürtige Marokkaner in Kanada ein Attentat geplant haben. Ihm wird die Vorbereitung eines Sprengstoffattentats „außerhalb Kanadas“ vorgeworfen. Dass die Österreicher ebenfalls Attentäter sein könnten, glauben die Ermittler in Wien nicht.
Gegenteil eines Schläfers
Der 22-jährige M. war das genaue Gegenteil eines Schläfers: Als Chef der Splittergruppe „Islamische Jugend Österreich“ (IJÖ) trat er öffentlich und lautstark in Erscheinung. Sein Umfeld ist ebenfalls seit Jahren unter Beobachtung. Schon der Vater des zuletzt arbeitslosen Wieners war bei den Ermittlern kein Unbekannter. Als Imam predigte er jahrelang in der Sahaba-Moschee in Wien Neubau sein islamistisches Weltbild, ohne aber je mit dem Strafrecht in Konflikt zu kommen. Die Islamische Glaubensgemeinschaft hatte den Imam nie anerkannt.
In dieser Moschee, in Wahrheit eine zu Gebetsräumen umgebaute Wohnung, ging auch M. ein und aus. Nach dem Rückzug seines Vaters übernahm ein ebenfalls islamistischer Verein die Leitung, an der Spitze stand ein bosnischer Imam. M. setzte seine Besuche fort – auch als die Moschee im Sommer 2005 für Aufregung sorgte. Imam Abu Muhammad hatte in einem Interview mit der „Presse“ seine radikalen Thesen dargelegt. Unter anderem hatte er die Demokratie abgelehnt und die göttliche Offenbarung als über den österreichischen Gesetzen stehend bezeichnet. Auch die Attentäter, die im Juli 2005 in London für den Tod von 52 Menschen verantwortlich waren, nahm er in Schutz – sie hätten „Gutes im Sinne“ gehabt.
Damals wurde der Imam von den Verfassungsschützern observiert. Allein, strafrechtliche Konsequenzen erwuchsen diesem Prediger daraus nicht, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Es blieb bei politischer Aufregung. Hinter dem Imam vermutete die Exekutive jene Exil-Bosnier, die Wien als Sprungbrett nach Europa nutzen und die Politik der offiziellen Islamischen Glaubensgemeinschaft als unislamisch attackierten. Mit M. standen sie laut Ermittlungsstand aber nicht in Kontakt.
Abwendung vom Lehrer
Doch M. distanzierte sich auch von diesem Lehrer: Auf seiner Website kritisierte er, dass der Imam „Widerstandskämpfer“ im Irak und Afghanistan als Sünder bezeichnet habe. „Wir haben bis vor kurzem die Vorträge dieser Personen empfohlen und haben sie respektiert“, schreibt M. über ihn und andere Leute, die „drastisch ihre Meinungen geändert und einen extremen Weg eingeschlagen haben“. M. blieb bei seiner Meinung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2007)