Zum Vorglühen auf die Fanmeile

Österreichische Stimmen bei Fußballübertragungen bringen mich zum Weinen.

Unsere Nachbarn im Ressort für Leibesübungen waren am Freitag nach 1.00 Uhr enthusiasmiert: Österreich hat gewonnen! Im Sport!!. Beim Fußball!!! Genauer gesagt war es ein kostbarer Kantersieg: Der Österreichische Rundfunk erhält den Zuschlag für die TV-Rechte der EURO 2008 und wird alle 31 Spiele der Fußball-Europameisterschaft übertragen. Gut neun Millionen Euro ist uns der Spaß wert. Da liegen wir deutlich vor Mitveranstalter Schweiz. 9:7 für Österreich, das ist selten.

Selbstverständlich werden wir jetzt nach getaner Arbeit singend von Erdberg aus in den ersten Bezirk aufbrechen, am schönen Bahnhof Landstraße ein paar Sixpacks und Wodkas zum Vorglühen kaufen, damit wir dann vor dem Burgtheater auf der künftigen Fanmeile unseren Sieg ausgiebig feiern. Man ist ja Patriot. Ich hätte mich geschämt, wenn der ORF rechtelos geblieben wäre.

Aber die Spiele werde ich mir dann doch nicht bei meinem Lieblings-Familien-Sender anschauen. Das schaffe ich nicht mehr. Denn seit ich unseren Haushalt vor 20 Jahren verkabelt habe, gibt es für mich nur eine Anstalt für den Calcio – den fantastischen Großfamilien-Sender RAI, der in dieser Hinsicht noch viel superer ist als der ORF. Von der RAI werden Fußballfeste nämlich mit einer Inbrunst begleitet, die beinahe an vatikanische Hochämter herankommt.

Kunstvoll intonieren die Moderatoren Schlüsselwörter wie Fallo oder Ballo in allen erdenklichen Varianten, zärtlich streichen ihre Zungen über Kosenamen wie Materazzi oder Inzaghi , sogar Laute wie Buffon oder Toni klingen dabei elegant. Und fällt dann gar ein herrliches Tor, reißt es mich hoch: Auch ich in Italien!

Wie melancholisch hingegen wird es mir im Gemüt, wenn ich die um Sachlichkeit bemühten Stimmen der österreichischen Moderatoren höre. So sympathisch Vollprofis wie Rainer Pariasek oder Oliver Polzer auch sind, so fachkundig und eloquent, ich spüre aus dem österreichischen Klang immer auch bereits die Niederlage heraus, es ist zum Weinen. Fußball und dialektale Spuren aus dem Donauraum oder den Alpen sind für mich untrennbar mit Fiasko verbunden. Selbst der Deutsche Günter Netzer wird im Vergleich dazu erträglich.

Und im Winter? Da ist man auf die Alpensaga im ORF angewiesen. Da stimmt die Quote. Einmal habe ich vor vielen Jahren, als Heinz Prüller bei einem Skirennen in der Schweiz sehr gesprächig war, aus Übermut zum SRG geswitcht. Kein Vergleich. Zurbriggen fuhr übers Eis. Kein Ton? Der Schnee knirschte unter seinen Skikanten. Kein Kommentar, 30 Sekunden lang. Dann war der Mann im Ziel, der Moderator hob an: „Einszweiundfünfzig-komma-vier. Beschtziit.“ Ich wünsche der Schweiz eine erfolgreiche Euro 2008 und gratuliere zu den Übertragungsrechten. Siehe Seite 38


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2007)

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