Nur ein toter Indianer ...

(c) Museo Nacional de Belas Artes, Rio de Janeiro
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Ausstellung. „Brasilien“ in Krems, eine sehenswerte kulturhistorische Schau.

Nackte Wilde mit Speer, ein Paar im Feder-Röckchen. Im Bild-Hintergrund werden einige Menschen-Torsi über offenem Feuer gegrillt. Rechts gibt eine madonnenhafte Frau einem Baby die Brust, ein Vogel Strauß blickt den Betrachter an – und die drolligen Affen sehen aus wie für den Fasching verkleidete Kinder. Für heutige Begriffe schockierend wirkt dieses Bild eines unbekannten Malers von 1650. So sahen die Europäer also die Neue Welt: Sämtliche Vorurteile über Eingeborene & Kannibalen sind hier versammelt. „Amerika“ heißt das Gemälde.

Die Kunsthalle Krems zeigt die Ausstellung „Brasilien – Von Österreich zur Neuen Welt“. Was hat Österreich mit Brasilien zu tun? Leopoldine, Tochter des Habsburger-Kaisers Franz I., wurde mit Portugals Kronprinz Dom Pedro verehelicht. Kaiser Franz spendierte aus diesem Anlass 1817 eine zeitlich und finanziell nicht limitierte Expedition in die portugiesische Kolonie Brasilien. 14 Wissenschaftler, Künstler reisten mit.

Auch Leopoldine und Dom Pedro ließen sich in Rio de Janeiro nieder. Leopoldine mauserte sich zur heimlichen Regentin. Auf ihr Betreiben gewann Brasilien 1822 weitgehende Autonomie vom Mutterland. Privat war sie nicht glücklich. Sie gebar sieben Kinder. Der Gatte war untreu, misshandelte sie sogar. An den Folgen einer solchen Attacke ist sie möglicherweise gestorben, 1826.

Die Ausstellung kombiniert Tier-Präparate aus dem „Naturhistorischen“, Exponate aus dem Völkerkunde-Museum mit Leihgaben aus brasilianischen Museen und beleuchtet ihr Thema farbenreich von allen Seiten. Anders als die KHM-Schau im Künstlerhaus 2001/02 „Entdeckung der Welt“, die sich eher auf die Errungenschaften der Forscher konzentrierte, weniger auf Leben & Leiden der Erforschten, ergibt sich in Krems ein vielschichtiges Bild.

Die brasilianischen Maler wurden oft in Europa, etwa in Paris, ausgebildet. Entsprechend europäisch wirkt ihr Stil. Auch die Oberschicht lebte europäisch. Ein schwarzes Mädchen blickt fasziniert auf eine Puppe. Es ist ein Sklaven-Kind, das die Wohlhabenden zur Unterhaltung ihrer Sprösslinge beschäftigten. Erst spät, 1888, wurde in Brasilien die Sklaverei abgeschafft (USA: 1865). Trotzdem hatten es die Sklaven in Brasilien besser als in den USA. Sie konnten sich freikaufen, Ämter erlangen und Angehörige anderer Volksgruppen heiraten.

Direktor geht, 30 Bewerber

Grausame Geschichten sieht man auf den Gemälden: Da liegt ein totes Mädchen zwischen seinem Lover und einem Mönch. Es ist eine Halb-Indianerin, die im Zwiespalt zwischen ihrem Volk und dem Christentum den Freitod wählte. Ein Mönch beugt sich über die Leiche des Häuptlings vom kriegerischen Volke der Tamoio. Man denkt an den Spruch aus dem US-Bürgerkrieg „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.“

Ein an Gauguins Südseezauber erinnerndes Mädchen steht am Meeresstrand. Sein portugiesischer Liebhaber hat es verlassen und das Kind mit sich genommen. Ein Speer, von Blättern überwuchert, steckt im Sand. Mit ihm hat die Frau einst den Lover bedroht, er hat sie besiegt ... Romantische Männer-Fantasien, aber auch viele soziale Bezüge offenbaren sich in diesen Gemälden. Riten und Glauben der indigenen Bevölkerung, das Aufeinander-Prallen von Schamanismus und Christentum gewinnen Lebendigkeit ebenso wie die Erkenntnisse der Forscher, die präzis-plastische Abbilder exotischer Natur hinterließen. Viele der echten Funde wurden von Termiten gefressen. Es blieb immer noch genug übrig.

Die Kunsthalle Krems verliert demnächst ihren Direktor: Der Deutsch-Türke Tayfun Belgin (51) leitete das Institut nur vier Jahre. Er geht ans Karl-Ernst-Osthaus-Museum im westfälischen Hagen. Der Schwerpunkt dort liegt auf Moderne, speziell vor dem I. Weltkrieg, und auf Zeitgenossen. Für den in Hagen geborenen Emil Schumacher, Mitbegründer der Abstrakten in Deutschland, wird bis 2008 ein Neubau errichtet. Das Salär sei in Hagen höher als in Krems, heißt es beim Land. Andere meinen, Belgin geht, weil Dieter Ronte, Direktor des Kunstmuseums Bonn, früher Chef des Moderne-Museums Wien, das Frohner-Forum übernimmt.

Belgin fürchte Rontes Einflussnahme auf die Kunsthalle, heißt es. Freilich, Ronte (64), der bald in Pension geht und angeblich nach Mallorca übersiedeln will, dürfte kaum dauernd in Krems sein. Jedenfalls gibt es rd. 30 Bewerber für die Kunsthalle, die bis 1. Jänner 2008 neu besetzt sein soll. Die Programm-Linie, 19./20./21. Jht., soll bleiben.

INFORMATION: „Brasilien“

Öffnungszeiten 10-18h. Bis 17. 2. 2008 Eintritt: Erw. 9 €, Erm. 8 €, Führungen: Sa./So./Feiertage 14 & 16h, Katalog: 19 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2007)

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