Martin Walser: „Überhaupt nicht reif werden!“

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Interview. Der Schriftsteller Martin Walser über das Glück des Schreibens, wahre Freundschaft und gute Filme.

Die Presse: Herr Walser, wie gefällt Ihnen die neue Verfilmung Ihrer Novelle „Ein fliehendes Pferd“? Solche Übertragungen sind heikel.

Martin Walser: Man kann nicht werten, ob Buch oder Film besser sind, das wäre unsinnig. Schon bei den Drehbuch-Entwürfen habe ich mir gedacht, Gott sei Dank filmt der Regisseur nicht am Buch entlang, sondern entwickelt eine eigene Dramaturgie. Er schneidet Partien gegeneinander und erzielt dadurch Wirkungen, die in der kontinuierlichen Prosa überhaupt nicht denkbar sind. Die Dialoge habe ich überarbeitet. Ich kenne die handelnden Personen besser, da war mehr drin. Im Film muss man ganz anders sprechen als im Geflecht des Romans. Den Schluss des Films finde ich fantastisch. Die (Ehefrau) Sabine geht ins Wasser, schwimmt weit hinaus, er schwimmt ihr nach. Sie könnten beide im Bodensee ertrinken, und dann ist dort dieser riesige Baumstamm, zu dem sie sich retten, ein Mordsstamm mit Krone. So etwas gibt es nicht im See, das ist wie ein Magritte-Bild. Die Stämme, die bei uns die Ache runterkommen, sind abgeastet. Für ein Happy End hat dieses Bild eine märchenhafte Besonnenheit.

Sie mögen ein Happy End?

Walser: Aber ja! Wenn es glaubhaft gelingt, ist es das Höchste, was es gibt.

Was macht die Tugend einer guten Verfilmung aus, was die einer Novelle?

Walser: Es kommt auf die Motivtreue an. Eine Literaturverfilmung soll nicht den Text plündern, das wäre uninteressant. Das Buch ist dafür nur Material, aber die Charaktere dürfen nicht verfälscht werden. Die Novelle ist eine eigene Sportart. Alles drängt zu einer Sache, der Roman hingegen kann sich Abschweifungen erlauben. „Ein fliehendes Pferd“ habe ich sehr schnell geschrieben, in drei Wochen bis Anfang September 1977.

Diese Novelle wird von der Kritik hoch geschätzt. Was wird von Ihrem Werk bleiben?

Walser: Diese Frage geht völlig an meiner Wunschfähigkeit vorbei. Ich lese mein Buch, der Leser liest seines. Ich schreibe Bücher aus persönlicher Notwendigkeit, muss so Lebenslagen beantworten. Ein Buch wird dann ein Erinnerungsmal für diese Zeit, diese Problematik diese Not. Damals, bei „Ein fliehendes Pferd“, fühlte ich mich angegriffen in meiner Lebensart, vom kleinsten Geschmacksmoment bis zur größten Ansicht.

Ist es nicht seltsam, dass 1977, im Herbst des Terrors, die deutsche Literatur so viel Innerlichkeit hatte in politisierter Zeit?

Walser: Mich hat der deutsche Herbst beim Schreiben gar nicht bekümmert. Mit solchen Nachrichten, und seien sie noch so furchtbar, kommen Sie nie in die Etage, wo die Romane wachsen. In meinem Roman „Ehen in Philippsburg“ hätte ich die Parteien, die vorkommen, niemals als SPD oder CDU bezeichnet. Ich habe Abkürzungen erfunden, so wenig bedeutet Aktualität für mich als solche. „Ein fliehendes Pferd“ wurde von der Kritik mit „midlife-crisis“ assoziiert, das war das Parade-Wort der Saison. Das war mir egal, ich hatte immer Krise.

Goethe war auch stolz auf seine Pubertät.

Walser: Er hat 1827 gesagt, dass außerordentliche, geniale Naturen eine zweite Pubertät erleben. Ich finde diese Aussage ganz toll. Ausdrucksmenschen dürfen überhaupt nicht reif werden! Wenn Kinder normale Erwachsene werden, verlieren sie einen Teil der schöpferischen Kraft.

Sie wurden erst ins linke, später ins rechte Eck gestellt. Warum macht man das mit Ihnen?

Walser: Es gibt den Zeitgeist, er ist jeweils eine definierbare Denkformation, die urteilt, ahndet, straft, lobt. In den Sechzigerjahren war ich gegen den Vietnamkrieg und stand für einige dadurch nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes.

Heftig war auch die Reaktion, als Sie 1998 den Friedenspreis des Buchhandels erhielten und vor der Instrumentalisierung des Holocaust warnten. Man warf ihnen Antisemitismus vor.

Walser: Die Rede in der Paulskirche ist nichts anderes als meine Sprache. Die war nicht absegnet, deshalb war sie skandalös. Bei mir ist es ganz einfach. Ich habe den herrschenden Sprachgebrauch des Zeitgeistes jeweils als Redner und Schreiber nicht mitmachen können. In einer SPD-Zeitung in einem Leitartikel nur die Parteimeinung wiederzugeben, wäre doch ein Witz, eine Tautologie. Man soll seine Meinung vertreten, dann aber genauso mit seiner ehrlichen Intelligenz darstellen, was dagegen spricht.

Sind Sie einmal tief verletzt worden?

Walser. In den Achtzigerjahren leistete ich einen Beitrag zum Thema „Über Deutschland reden“. Ich sagte, dass ich mich an diese Teilung des Landes nicht gewöhnen könne. Es folgte eine Polemik-Reihe in der „Zeit“. Jurek Beckers Beitrag endete mit einem Satz, der für mich das Schlimmste war. Man müsse alle Bücher von Walser nochmal darauf prüfen, ob er nicht immer schon so war. Das war das totale Misstrauen. Für mich ist, was einer politisch denkt, überhaupt nicht entscheidend für mein Gefühl ihm gegenüber. Wenn einer mein Freund ist, gibt es keine Grenze, er kann politisch denken und sagen, was er will. Das Politische ist zutiefst sekundär. Leute haben mir sogar das Du-Wort entzogen. Ich habe das nie begriffen. Die ertragen nicht, dass du so und so bist.

Wie werten Sie den kritischen Diskurs über die Flakhelfer-Generation, der auch Autoren wie Sie oder Günter Grass betrifft?

Walser: Das sind Zeitgeistspiele. In zehn Jahren weiß kein Mensch mehr davon. Im Roman „Ein springender Brunnen“ habe ich diese Jugendzeit beschrieben, die mir ideologisch versperrt ist. Ich war kein faschistisches Kind und kein antifaschistisches Kind. Man warf mir im „Literarischen Quartett“ vor, der Roman sei missglückt, weil darin Auschwitz nicht vorkomme. Ich wollte nur erzählen, warum meine Mutter in die Partei eintrat. Ich wusste, wenn ich das erzählen kann, dann kommt heraus, warum Deutschland in die Partei eintrat. Deshalb musste der Roman 1932 beginnen, in großer wirtschaftlicher Not. Aus Liebe zu meiner Mutter und meinem Vater habe ich einen Roman geschrieben, der bis 1945 führt. Ich finde, das Politische kommt vor. Die letzte Schreibkraft ist Liebe. Ich könnte keine Figur schreiben, die ich nicht liebe. Das gilt auch für den Roman „Tod eines Kritikers“. Ich habe diesen Kritiker größer gemacht, als er ist.

Was muss in einem Roman vorkommen?

Walser: In einem Roman kommt alles heraus, man liest darin, wie es mit einem Autor zu der Zeit steht. Er ist eine vollkommene Auskunft über alles. Wenn ich wissen will, wie um 1800 gedacht und empfunden wurde, muss ich „Hesperus“ von Jean Paul lesen oder Goethes „Wilhelm Meister“. Das ist die Entwicklung des Selbstbewusstseins eines Bürgerkindes. Wilhelm will zur Bühne, denn nur der Schauspieler könne scheinen, was er nicht ist. Jean Paul war ein Demokrat. Goethe war, wenn er politisch geurteilt hat, wahnsinnig konservativ. Nur im Roman war er seren, da ist die ganze Zeit durchsichtig. Wilhelm Meister muss im Ausland Geld für seine Gesellschaft anlegen. Er entscheidet sich für Amerika. Stellen Sie sich diese Hellsicht vor! Die Zuverlässigkeit eines Romans wird erreicht durch das Sein und die Feinfühligkeit des Autors, nicht durch absichtliche Meinungsrichtung. Mein Satz von Nietzsche, sehr früh geschrieben: „Das Dasein ist nur gerechtfertigt als ästhetisches Phänomen.“ Nur durch die Schönheit. Was meinungsverseucht ist, kann nicht schön werden.

Sind Sie beim Schreiben glücklich? Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Walser: Ich habe beim Rundfunk gearbeitet, um mir mein Studium zu finanzieren. Ich wollte Geld haben, damit ich schreiben konnte. Vom Schreiben konnte man einfach nicht leben. Das Langweilige an der Arbeit im Rundfunk waren die vielen Sitzungen. Das hörte einfach nicht auf. Aber das Schreiben! Du setzt dich morgens hin, schreibst einen Satz, und schon ist es Abend.

Das Gefühl der Unsicherheit wegen des Geldes haben Sie nun wohl verloren?

Walser: Nein. Das wird sich nicht verlieren. Man denkt immer, es reicht nicht. Mein Vater ist früh gestorben, er war ein ganz schlechter Geschäftsmann, hat lieber Klavier gespielt. Meine Mutter musste das Haus retten. 1957 habe ich ihr dann das Geld vom Hesse-Preis geschenkt, immerhin 10.000 Mark, die auch meine Familie wirklich hätte brauchen können. Ich bin nach Wasserburg gefahren und habe meiner Mutter den Scheck gegeben, wohl auch, um ihr zu zeigen, dass man vom Schreiben leben kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2007)

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