Waren Einstein & Co in der Schule Nieten oder zeigten sie schon damals besondere Begabungen? Ein Buch von G. Prause hinterfragt Genie-Mythen.
WIEN. „Mach Dir keine Sorgen, der Einstein ist auch in der Schule sitzen geblieben.“ Diesen Satz hören Schüler rund um ihre Nachprüfung des öfteren als tröstenden Zuspruch. Aber ist er auch wahr? In seinem Buch „Genies in der Schule“ geht Gerhard Prause den Schulkarrieren von über 100 bekannten Persönlichkeiten nach. Auch dem Mythos rund um Albert Einstein: Dieser blieb nie sitzen, war jedoch ein sehr schlechter Schüler. Das lag aber nicht am Mangel an Intelligenz, sondern am autoritären Gefüge der Schule.
Einstein selbst beschrieb den Schulbesuch – mit Lehrern wie Feldwebeln – als Zwang, wo „die heilige Natur des Forschens erdrosselt würde“. Die Kasernenhof-Atmosphäre der Schule verachtete er so sehr, dass er sich ein ärztliches Attest erschwindelte, das ihm eine „Nervenzerrüttung“ bestätigte, woraufhin er ein halbes Jahr Erholungsurlaub einheimste. Die Münchner Schule ließ ihn gerne gehen, als aufmüpfiger Schüler war er dort nicht beliebt. Nur in Mathematik ließ er sich ein Zeugnis ausstellen, das ihm „außergewöhnliche Kenntnisse“ zugestand.
Jahre später wollte Einstein doch studieren und bewarb sich am Polytechnikum in Zürich, das auch Schüler ohne Abitur aufnahm. Jedoch: Bei der Aufnahmeprüfung fiel der 16-Jährige durch. Zu Recht, wie er selbst schreibt. Ein Jahr später hatte Einstein das Versäumte nachgeholt und bestand die Aufnahmeprüfung. Mit 34 Jahren wurde er am Polytechnikum selbst Professor.
Thomas Mann blieb sitzen
Viele Geschichten von berühmten Denkern beginnen mit schlechtem Erfolg in der Schule, doch in der Mehrheit der Geschichten ist zu lesen, dass die jungen Genies sich nicht dem äußeren Zwang fügen wollten und den autoritären Ton der Lehrer verachteten. So konnten auch Thomas und Heinrich Mann in den damaligen deutschen Schulen keine gute Leistung erbringen. Thomas Mann blieb einmal sitzen, obwohl er nebenbei schon Mitherausgeber der Monatsschrift „Frühlingssturm“ war.
Nicht viel anders: die englischen Erziehungsanstalten. Sie konnten aus großen Geistern ein Häufchen Elend machen. Winston Churchill etwa wollte in der „Prügelhölle“ einfach nicht lernen, beschreibt die Schulzeit als „verhasste Knechtschaft“. Er begann zu lispeln und stottern. Seine Eltern nahmen ihn erst aus der Schule, als er körperlich zusammenbrach. Er wurde zum ewigen Sitzenbleiber, der schließlich doch seinen Weg ging und 1953 den Nobelpreis für Literatur erhielt.
Ebenfalls Schrecken einflößend: Das Erziehungssystem in Prag. Franz Kafka erlitt schon am Weg zur Schule regelmäßig Angstzustände. Er war ein scheuer Bub, der es hasste, wie in der Schule die Individualität vernichtet wurde. Seine Noten waren aber gut – anscheinend lernte er eben, weil er so viel Angst hatte, besonders eifrig. Die Liste der berühmten Namen, die entweder in der Schule litten (Grillparzer, Rilke, Balzac, Musil) oder diese gar abgebrochen haben (Schubert, Wagner, Trakl, Hesse) ist lang.
Doch es geht auch anders: Einige der großen Dichter, Philosophen und Wissenschaftler fielen in der Schule kaum auf, waren normale Schüler. Hier findet man die Geschichte von Darwin, der als nicht besonders intelligent galt, aber sich mit seiner Neigung zur Naturgeschichte bemerkbar machte; und die von Gandhi, der in der Schulzeit unbemerkt blieb, da er ständig Angst hatte, sich lächerlich zu machen.
Das größte Kapitel des Buches aber umfasst die Genies, die schon in der Schule sehr gut oder ausgezeichnet waren. Ganze 38 Biographien hat Prause hier zusammengetragen. Manch einer war Ordnungsfanatiker, wie Adalbert Stifter, der so stets „Primus“ der Klasse wurde. Viele zeichneten sich in jungen Jahren durch ihr phänomenales Gedächtnis aus (Lenin, Marie Curie, Richard Strauss) aus.
Abitur mit 16 Jahren
Rosa Luxemburg legte im Alter von 16 ihr Abitur ab und wurde in 14 Fächern mit „Ausgezeichnet“, in den restlichen mit „Sehr gut“ beurteilt. Hemingway war Klassensprecher und wollte in allen Fächern der Beste sein. Sigmund Freud glänzte als Schüler, der in fast allen Jahren Klassenbester war und sich stets auch mit Wissensgebieten außerhalb des Lernstoffes befasste. Prauses Fazit: Sein Buch biete keinen Trost für jene, die schlecht in der Schule sind. Denn einerseits waren viele der außergewöhnlichen Denker gute Schüler – und andererseits wären jene berühmt schlechten Schüler wahrscheinlich an anderen Anstalten oder bei besseren Lehrern gut gewesen. Was alle „Genies“ verbindet: Sie hatten schon sehr früh einen ungeheuren Drang nach Wissen.
Gerhard Prause, Genies in der Schule, Berlin: Lit-Verlag, 2007
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2007)