Analyse. Die Terrorverdächtigen standen in Opposition zur Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Warum sich die offizielle Vertretung aller Muslime in Österreich nun trotzdem für sie rechtfertigen muss.
Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) war in den vergangenen Tagen vor allem mit einem beschäftigt: mit Rechtfertigungen. Die drei festgenommenen Terrorverdächtigen stammten nicht aus den Reihen der Glaubensvertretung, wurde verkündet. Man habe sie gekannt, vor ihnen gewarnt und mit den Behörden kooperiert.
Und obwohl zwischen der Glaubensgemeinschaft und den mutmaßlichen al-Qaida-Sympathisanten keine Gemeinsamkeiten aufscheinen, die Verdächtigen sogar in Opposition zu ihr standen, sieht sich die IGGiÖ nun in der unangenehmen Position, sich rechtfertigen zu müssen – im Namen aller 400.000 Muslime des Landes.
So ungerecht das zunächst auch aussieht, genau das ist die Aufgabe, die von der IGGiÖ erwartet wird und die sie erfüllen muss. Immerhin ist sie die gesetzlich legitimierte Vertretung aller österreichischen Muslime – ein Sonderfall, den es weltweit kein zweites Mal gibt. Denn im Gegensatz etwa zur katholischen Kirche mit dem Vatikan hat der Islam keine Zentrale, so wie auch in den einzelnen Ländern keine Organisation für alle Muslime sprechen kann.
Zweifel an Alleinvertretung
Doch kann genau das die IGGiÖ tatsächlich für sich beanspruchen? Mitnichten, werfen Kritiker ein. Die Glaubensgemeinschaft würde nur ein Prozent der Gläubigen vertreten, bemängelt etwa das Islamische Informations- und Dokumentationszentrum (IIDZ), ein in Traun ansässiger Verein. (Dass dieser selbst nur aus zwei Personen besteht, sei dahingestellt.)
Denn nur so hoch sei die Beteiligung bei den letzten Wahlen zur IGGiÖ-Vertretung 2001 gewesen. Dass Präsident Schakfeh diesen Vorwurf nie mit Zahlen oder Fakten öffentlich widerlegen konnte oder wollte, ist ein Manko, das am Alleinvertretungsanspruch der Glaubensgemeinschaft nagt. So wie auch immer wieder Stimmen laut werden, dass sich einzelne Gruppen wie Schiiten oder Aleviten nicht repräsentiert fühlen.
Die Rechtfertigung, dass die Summe der Mitglieder aller mit der IGGiö assoziierten Vereine 90Prozent der Muslime abdecken würde, wirkt da wie eine aus der Defensive hervorgebrachte Milchmädchenrechnung. Immerhin, bis Ende Juni 2008 will man sich eine neue Verfassung gegeben haben, die die Mitgliederzahlen und Strukturen transparenter macht. Bis dahin wird sich die Glaubensgemeinschaft wohl weiter vorwerfen lassen müssen, nicht für alle Muslime zu sprechen.
Leichter ist der Vorwurf zu entkräften, der IGGiÖ würden demokratische Strukturen fehlen. Zwar gibt es personelle Überschneidungen zwischen Gesetzgebung und Exekutive, doch handelt es sich ja auch um eine Religionsgemeinschaft – nicht um einen Staat. Damit ist der Grundsatz der Gewaltentrennung nicht anwendbar, heißt es aus dem für religiöse Fragen zuständigen Kultusamt. Zum Vergleich: Auch in der katholischen Kirche ist demokratischer Einfluss der Mitglieder nur rudimentär vorhanden. Doch bei der Debatte um den Alleinvertretungsanspruch muss eines klar sein: Es handelt sich vor allem um interne Machtkämpfe, die das Zusammenleben mit dem übrigen Österreich, die Integration, nur marginal betreffen. Wichtiger ist, wie sich der offizielle Islam zu extremistischen Strömungen positioniert.
Mitglieder im Zwielicht
Hier ist die Sache klar. Wann immer eine Debatte aufkeimt, folgen von der IGGiÖ Statements, die Extremismus „auf das Schärfste“ verurteilen. Schönheitsfehler gibt es aber auch hier. Dann nämlich, wenn der Verdacht auf ranghohe Mitglieder der Glaubensgemeinschaft fällt, wie etwa auf den an sich moderaten Imam Adnan Ibrahim, der „im Überschwang der Emotionen“ – so die Entschuldigung – etwa den Papst beleidigte.
Aussagen mit zweifelhaften Inhalten wurden als „aus dem Zusammenhang gerissen“ bezeichnet, gerne werden auch sprachliche Probleme vorgeschoben und danach wird wieder die heile Welt beschworen. Richtig, mit Terrorismus hat das nichts zu tun, doch sind solche „Missverständnisse“ und Beschwichtigungen ein gefundenes Fressen und eine Bestätigung für jene, die Muslime unter Generalverdacht stellen wollen.
Und es sind auch genau jene spektakulären Fälle, die von den zahlreichen verdienten Integrationsbemühungen des offiziellen Islam ablenken. Und die die Aufgabe, die friedliche Mehrheit der österreichischen Muslime vor pauschalen Verdächtigungen in Schutz zu nehmen, immer wieder schwerer macht, als sie ohnehin schon ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2007)