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Studie: „Jugend zerbricht am Leistungsdruck“

(c) DiePresse (Clemens Fabry)
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Wie keine Generation vor ihnen leiden die heutigen Jugendlichen unter der Leistungs-Gesellschaft.

Wien. Weltverbesserer und sozial engagierte Jugendliche waren gestern. Heute wächst eine Generation junger Menschen heran, die ihr Leben ganz auf eine erfolgreiche berufliche Karriere, viel Geld und hohes Ansehen hin trimmt – und dabei am ständig wachsenden Leistungsdruck der neoliberalen Gesellschaft zu zerbrechen droht.

Das ist, stark verkürzt, das Ergebnis einer Studie („Jugend unter Druck“), die der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung, an 11- bis 29-Jähren durchgeführt hat.

Es sei die erste Generation Jugendlicher, die voll von der stark auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft erfasst wurde. „Die Anforderungen sind höher, die Konkurrenzsituation größer“, sagt Heinzlmaier. Über 60 % der Befragten geben an, dass der Druck in Arbeit, Schule oder beim Studium von Jahr zu Jahr größer wird. Der Aussage „Ich habe das Gefühl, dass nur meine Leistungen, nicht aber ich selbst für die Umgebung wichtig sind“, stimmen 44 % der 11- bis 14-Jährigen zu. Einen derartigen Druck, sagt Heinzlmaier, „hat die Generation davor nicht erlebt“.

Vor allem die ganz Jungen zwischen 11 und 14 Jahren leiden darunter, funktionieren zu müssen. „Die Eltern erwarten sich erfolgreiche Kinder.“ In dieser Altersgruppe fühlt sich fast jeder Zweite (46%) von den Eltern unter Druck gesetzt, Leistungen in der Schule zu erbringen. Bei den Älteren nimmt der Wert ein wenig ab. „Da ist der Fremdzwang zum Selbstzwang geworden“, sagt der Studienautor.


Mehr Alkoholmissbrauch

Mädchen sind laut der Studie stärker betroffen. „Sie verdoppeln den Druck von außen, weil sie zusätzlich hohe Ansprüche an sich selbst stellen.“ Sich gestresst zu fühlen ist „zur Grundbefindlichkeit des jungen Menschen geworden“.

Eine Befindlichkeit, der sie sich immer weniger gewachsen fühlen. „Eine monströse Zumutung“, schreibt Heinzlmaier. Die Folgen reichen von psychosomatischen Erkrankungen über Depression bis hin zu vermehrtem Alkoholmissbrauch. In der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen trinkt jeder Zweite (55%) ein oder mehrere Male pro Woche. Die Zahl derer, die dies bis zur Besinnungslosigkeit tun, sei gestiegen. Das Argument, Komatrinken habe es immer gegeben, könne nur von überforderten Politikern kommen, meint Heinzlmaier. „Das ist in dieser Quantität und Radikalität ein völlig neues Phänomen.“ Mit dem die Gesellschaft überfordert ist: „Da wird der Einzelne in Therapie geschickt, aber über das System dahinter wird nicht nachgedacht.“ Dass Alkohol-Exzesse aus dem Wunsch der jungen Gestressten entstehen, in der Freizeit etwas Intensives zu erleben, und nicht nur aus Gruppenzwang oder sozialen Problemen, sei bisher kaum beachtet worden.

Dass die junge Generation das Prinzip „Leistungsgesellschaft“ angenommen hat, sieht man auch an den Werten, die ihnen wichtig sind (siehe Grafik). Zu Beginn der 90er- Jahre noch sei die Jugend „post-materialistisch“ orientiert gewesen, habe sich für Umweltschutz oder die Dritte Welt engagiert. Heute zählt das eigene Weiterkommen. Ideologische Werte oder Glaube sind bei der Mehrzahl nicht einmal mehr sekundär. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen sich die meisten zwischen Konsum, Erlebnis und Lifestyle gar nicht mehr.

Die Schuld am Wertewandel gibt Heinzlmaier „dem System“. Oder, etwas differenzierter: Es sei heute „unhinterfragbares Allgemeingut“, dass sich die Gesellschaft an Konsum und Leistung orientiert. „Das wird weder von konservativer noch von linker Seite hinterfragt.“

Was es brauche, sei eine andere Ethik, eine Rückbesinnung auf die „viel gescholtenen traditionellen Werte wie Familie und Religion“. Dass es dazu kommt, glaubt Heinzlmaier nicht. „Das wird alles so weiter gehen.“ Und die nächste Generation junger Leute wird „in die Krise schlittern“.

Kommentar Seite 37

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2007)