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Ob man einem Gott nicht Übles nachsagt?

Die von Christoph Kardinal Schönborn losgetretene Debatte über „Intelligent Design“ hält an – jetzt widmet sich ein in Wien erschienener Sammelband dem „neuen Streit um die Evolutionstheorie“.

Schönborns Äußerungen seien auch theologisch „einigermaßen uninteressant“, da sie „hinter das bei David Hume und Immanuel Kant erreichte Problembewusstsein zurückfallen“. Schreibt der evangelische Theologe Ulrich Körtner über den Essay, den der Wiener Kardinal im Juli 2005 in der „New York Times“ veröffentlicht hat. Immerhin hat er – weltweit! – eine heftige Debatte ausgelöst, die bis heute nicht versiegt ist. Und wohl auch dieses – von Körtner und der Wiener Biologin Marianne Popp herausgegebene – Buch hervorgebracht hat.

Gütige Worte für das Konzept „Intelligent Design“ (ID) findet kaum einer der Autoren. Den ID-Vertretern gemeinsam sei, so Peter Markl, dass sie alle behaupten, dass einige Aspekte des Lebens unmöglich verstanden werden können, wenn man nur die Erklärungen der Biologie akzeptiert. Vielmehr bedürfe es darüber hinausgehender kausal wirkender Einflüsse, wobei aber deren Art offen bleibt. Geradewegs „Gott“ sagt kaum einer – Markl vermutet, dass die „Abstinenz“ durch die US-Verfassungslage „erzwungen“ ist.

Prägnant entkräftet z.B. Ulrich Kattmann die Standard-Einwände gegen die Evolutionstheorie. Viel offener für „Design-Ideen“ als die Biologie ist die Physik, genauer: die Kosmologie. Es ist das alte Problem mit dem anthropischen Prinzip: Dass – die fundamentalen Gesetze der Physik vorausgesetzt – das Universum so ist, wie es ist, erscheint den heutigen theoretischen Physikern als höchst unwahrscheinlich. Der Kosmos erscheine als „hochgradig ,abgestimmt‘“, schreibt Physiker Peter Aichelburg.


Wieso können wir die Welt erkennen?

Eine alternative Antwort aufs anthropische Problem ist eine Theorie, die sehr viel Universen beschreibt, von denen eben eines das unsere sei. Die Vorstellung vieler Universen ist allerdings ein erkenntnistheoretisches Problem: Das – eine – Universum soll ja alles umfassen, was wir je beobachten können.

Zur Erkenntnistheorie schreibt Biologe Ludwig Huber: Ihr Grundproblem sei vor allem, wieso wir die Welt erkennen können, wieso, wie Georg Wald poetisch formulierte, die Materie begann, sich in uns Menschen „selbst zu betrachten“. Man kennt die Antwort der Biologen, die evolutionäre Erkenntnistheorie: Wenn wir die Welt sehen, wie sie ist, dann weil das unseren Ahnen einen Überlebensvorteil gebracht hat. Huber formuliert es ausführlicher und virtuoser – und erklärt die Moral gleich mit.

Die Willensfreiheit nicht, die bleibt dem Philosophen Peter Kampits, der, geleitet von Sartre, das Kunststück schafft, Determinismus und Freiheit (und gleich auch Schönborn und Sartre) zu versöhnen. Wahrscheinlich muss man dazu erst verstehen, was mit „Nichtung“ wirklich gemeint ist...

„Man ist versucht, die Intelligent-Design-Bewegung als eine kleine Episode in der Religionsgeschichte zu sehen“, als „Teil des Rückzugs der Religionen als sinngebender kultureller Rahmen“, fasst Markl zusammen und konstatiert: „Das Theodizee-Problem bleibt die größte Herausforderung der Theologie.“ Auch für Körtner: Wenn Gott zur Natur, wie sie die Evolutionsbiologie beschreibt, „Und siehe, es war gut“ sagt, dann seien auch „Tod und Destruktion als Elemente des schöpferischen Handeln Gottes zu bejahen“. Die Frage der Gnosis bleibe Stachel im Fleisch des christlichen Schöpfungsglaubens: „Ob man einem Gott nicht Übles nachsagt, wenn man von ihm behauptet, er habe die Welt erschaffen“. tk
„Schöpfung und Evolution – zwischen Sein und Design“, erschienen im Böhlau-Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2007)