Apokalyptisches Märtyrertum

Replik auf „Das Interesse Israels“, Gastkommentar, von Gerhard Mangott, 14. September.

Gerhard Mangott meint, ein nuklear bewaffneter Iran würde keine existenzielle Bedrohung für Israel darstellen. Sein Hauptargument ist, dass auch ein Iran, der sich im Besitz von Atomwaffen befindet, durch die militärische Abschreckung Israels mit seinem vermuteten Nukleararsenal in Schach gehalten würde. Zudem bestehe die iranische Führung nicht aus irrationalen Märtyrern und die Vernichtungsdrohungen Ahmadinejads seien nur „wirres Gefasel“.

Das ist eine ebenso irreführende wie gefährliche Fehleinschätzung des iranischen Regimes und eine Verharmlosung des Antisemitismus. Der im Westen als moderat gehandelte iranische Expräsident Rafsanjani ließ 2001 verlautbaren, dass bereits der Einsatz einer Atombombe, gezündet in der Nähe von Tel Aviv, ausreichen werde, um Israel zu vernichten. Und dass dieses Ziel so erhaben sei, dass dabei der Tod von Millionen Iranern als Folge eines israelischen Gegenschlages in Kauf genommen werden müsste. Er steht damit ganz in der Tradition von Khomeini, der schon kurz nach der Revolution von 1979 erklärt hatte, der Iran könne ruhig untergehen, wenn nur der Islam den Sieg im weltweiten Kampf gegen die Ungläubigen davon trage.

Insbesondere die von Ahmadinejad repräsentierte Richtung innerhalb der iranischen Revolution glaubt, dass durch die Vernichtung des von ihr ausgemachten Bösen in der Welt die Rückkehr des verborgenen Imam herbeigeführt werden könnte. In einem Treffen mit Kofi Annan erklärte der iranische Präsident freimütig, die USA und Großbritannien hätten den letzten Weltkrieg gewonnen, den kommenden werde Iran für sich entscheiden. Auf einer Website der iranischen Regierung konnte man lesen, der schiitische Messias werde seinen Erzfeind bald in einer letzten großen Schlacht in Jerusalem in die Knie zwingen. Und Hussein Nuri Hamdani, einflussreicher Ayatollahs im Iran, hat erklärt, der Kampf gegen die Juden werde den Weg bahnen für den kommenden versteckten Imam.

Die Gefährlichkeit des iranischen Regimes resultiert aus der Kombination von apokalyptischem Märtyrertum, Antisemitismus und der angestrebten Technologie der Massenvernichtung. Es geht ihm erklärtermaßen nicht, wie Mangott mit seinen Verweisen auf die israelische Politik in der Westbank suggeriert, um eine Verbesserung der Situation der Palästinenser oder eine Zwei-Staaten-Lösung, sondern um die „Befreiung ganz Palästinas“, also die Vernichtung des jüdischen Staates. Und zwar nicht erst seit dem Amtsantritt von Ahmadinejad, sondern seit der Revolution unter Khomeini vor knapp 30 Jahren.


Nur „wirres Gefasel“?

Auch der Anführer der vom Iran finanzierten und ausgerüsteten Hisbollah im Libanon, Hassan Nasrallah, erklärt öffentlich: „Wenn sich die Juden alle in Israel versammeln, erspart uns das den Ärger, sie weltweit zu verfolgen.“ Aber das ist in den Augen von Mangott sicher nur „wirres Gefasel“, über das man sich im Staat der Shoah-Überlebenden nicht weiter aufzuregen braucht. Sollte man nicht aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus begriffen haben, dass Judenmörder die Ankündigung ihrer Verbrechen, so irrsinnig sie auch erscheinen mögen, ernst meinen?

930 konnte man wohl kaum jemandem übel nehmen, sich nicht vorstellen zu können, dass Antisemitismus sich derart radikalisieren könnte, dass er zur Ermordung von Millionen Menschen führt und zugleich den Untergang der Protagonisten des Antisemitismus mit einkalkuliert. Derartiges aber 62 Jahre nach der militärisch erzwungenen Niederlage des Vernichtungswahns selbst noch bei einem Regime kategorisch auszuschließen, das Konferenzen zur Leugnung des Holocausts veranstaltet, lässt sich mit Naivität nur mehr schwerlich erklären.

Dr. Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Uni Wien. 29. und 30. Sept. am Campus der Uni: Symposium zur iranischen Diktatur.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2007)