Die Bibel liest man auch ohne die ständige Warnung, dass sie ein heiliges Buch sei.
Als ich letztens durch ein Buch von Henryk M.Broder („Hurra, wir kapitulieren!“) blätterte, regnete es Schusterbuben (oder, wie die Briten sagen: Katzen und Hunde) im Abendland, genauer: in Altaussee, und ich hatte soeben kapituliert. Ich hatte mich durch Druck der Kleinfamilie und deren akute Abneigung gegen Nässe in ein Gasthaus der Sorte drängen lassen, wo nach jedem zweiten Bissen ein Kellner fragt, ob es einem denn schmecke.
Auch der Wirt fragte das, und, nach der Suppe, wie mir denn das Buch gefalle (von dem gleich mehrere Exemplare auf dem Zeitungstisch lagen). Aber ja, sagte ich. Das Buch stelle eine Frage, sagte der Wirt, nun schon in raunendem Ton, aber er kenne die Antwort. Aha, sagte ich. Dann ging er, das Essen kam, und wir rätselten.
Das kommt davon, wenn man in Gasthäuser mit Tischtüchern geht, sagte ich zu meinen Lieben: Der klingt ja wie ein Zeuge Jehovas!
Hurra, es war mein Rechthaber-Tag. Noch während der Hauptspeise kam der Wirt wieder und bekannte sich auf Anfrage zur genannten Religionsgemeinschaft, freilich erst, nachdem er uns erklärt hatte, warum der Tempel in Jerusalem 70 n.Chr. zerstört werden musste und was uns bald passieren wird, wenn wir...
Doch da ließ der Regen schon nach im Abendland, und auch meine Aufmerksamkeit. Ich könne ihm ja mailen, sagte der Wirt. Aber, so nett und beredt er auch war, ich ließ es bleiben. Ich habe Schriften der Zeugen Jehovas gelesen, „Wachtturm“ und so, ich weiß daher, dass ich diesen Glauben nicht teilen kann und will.
Klingt cool und entschlossen, nicht wahr? Aber könnte man so einen Satz auch über den Islam sagen? Und, wenn nein, warum nicht?
Der Islam ist wie Christen- und Judentum eine Buchreligion, er hat eine heilige Schrift, „herabgesandt im Monat Ramadan“, wie es in der zweiten Sure („Die Kuh“) heißt, zehn Zeilen nach einer der mindestens 69 Stellen im Koran, in denen Ungläubigen, Sündern und auch allen, die „unsere Verse lügenhaft nennen“, explizit – und oft ziemlich detailliert – angedroht wird, dass sie in der Hölle braten werden. Dazu kommen viele Stellen, in denen ohne direkte Erwähnung des Feuers „qualvolle Strafen“ u.dgl. verheißen werden.
Soll man den Koran trotzdem lesen? Man könne ihn nicht verstehen, sagen manche, wenn man ihn nicht a priori als heiligen Text begreife, mit gelebtem Respekt vor seiner Tradition. Das will ich nicht akzeptieren. Die Bibelwissenschaft nähert sich der Bibel ohne ständiges Caveat, dass sie ein heiliger Text sei, und das hat ihr gut getan. Die historisch-kritische Methode hat ihr geholfen, die Aufklärung zu überleben. Die Peinlichkeiten des Kreationismus zeigen, was passiert, wenn man Texte wie den Schöpfungsbericht wörtlich nimmt.
Und der Einwand, dass der Koran nur im Original, also im Arabischen des siebten (bis neunten?) Jahrhunderts, verständlich sei? Auch die Bibel ist im Original nicht auf Deutsch – nicht einmal auf Lutherdeutsch! –; aber niemand muss Hebraicum und Graecum absolviert haben, um sie zu lesen. Natürlich gehen Sound und Flow in der Übersetzung verloren, doch das gilt für alle Literatur, und trotzdem lesen wir Übersetzungen.
Also: Lesen wir den Koran, und trauen wir uns dann, darüber zu reden.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2007)