Police in der Stadthalle. Das nach 20 Jahren wieder vereinte Trio spielte nur alte Hits, zu lasch und langsam.
Es ist ein Jammer mit Revival-Konzerten: Die Musiker treten gegen die MP3-Player in den Köpfen der Zuhörer an. Dort sind sie gespeichert, die Golden Greats aus den Jahren, in denen der Kopfbesitzer die Popsongs als Soundtrack für Leben und Leidenschaft nutzte (wofür sie ja da sind). Und dort klingen sie im Fall von Police schärfer, schneller, besser als am Mittwoch in der Wiener Stadthalle. Die mit schuld war: Das trickreiche, an Dub und Reggae geschulte Spiel der Police-Songs mit Rhythmen und Gegenrhythmen, Schlag und Nachschlag, wird empfindlich gestört, wenn eine Halle sich akustisch verweigert. Dabei taten die Musiker natürlich ihr Bestes, rein technisch, das ist viel, Virtuosen sind sie ja.
Das war schon damals, 1979, ein Grund, warum sie in der hochgradig genialischen Post-Punk-Szene ein bisschen wie Streber wirkten, die Kunst von Können ableiteten, als das gar nicht en vogue war. Dazu hörte und sah man, dass sie Erfahrungen mit Jazzrock, Hermann-Hesse-Taschenbüchern, indischen Schals und ähnlichen Staubträgern von gestern hatten. 1983 bekannte sich ihr Chef, Gordon Sumner vulgo Sting, offensiv zur C. G. Jung-Lektüre („Synchronicity“!), bevor er sich solo verwirklichte, der Rest: triste Wohnzimmerbehübschungspopgeschichte.
Als der Police-Pop noch funktionierte
Egal, zurück zu den Anfängen. Police-Songs wie „So Lonely“ oder „Message In A Bottle“ klangen 1979 frisch und draufgängerisch, das „Yo-Ho“-Geheul deutete keck Ekstase an: Perfekte Drei-Minuten-Nichtigkeiten für den Hausgebrauch. Gut portionierte Anti-Langweile. Slogans mit Widerhaken. Pop, der funktioniert. In der Stadthalle funktionierte er selten, bei „Can't Stand Losing You“ und „Every Little Things She Does Is Magic“ bis zum Schluss, bei „King of Pain“ fast, bei vielen Songs kaum bis zur Halbzeit. Sie zerbröselten, verloren Schärfe und Tempo, manchmal vielleicht, weil den Musikern, vor allem dem fantastischen Schlagzeuger Stewart Copeland, fad war, ihnen der Sinn nach Variation stand – meist offenbar ungewollt.
Die alte „Roxanne“ schleppte sich über den Straßenrand, „Walking On The Moon“ humpelte, „Walking In Your Footsteps“ lahmte, bei „Wrapped Around Your Finger“ führte Copeland seine Glöckchen-Sammlung vor, bei „Invisible Sun“ Sting seine Kinder-im-Elend-Diashow. „De Do Do Do De Da Da Da“, diese Banalität, die trivial sein möchte, war und ist sowieso nicht zu retten. Aber der Song passte zu Stings Äußerem: Ärmelloses T-Shirt mit V-Ausschnitt und Goldketterl, das ist schon uncooler, als die Stilpolizei erlaubt. Immerhin traf Sting die meisten Töne, versang sich nur in „Every Breath You Take“, dem selbstverliebtesten aller Liebeslieder, das war schon wieder fast sympathisch. Den gewichtigsten Anteil an den Bremsungen und Verschleppungen hatte Gitarrist Andy Summers, der sich mit hochgradig angestrengter Mimik hochgradig angestrengte Solos abrang. Das wirkte wie bei einem Maturatreffen, wenn die Herren den Bauch über die Hose hängen lassen und Schulstreiche im Tonfall von Altherrenwitzen erzählen. Das muss nicht sein. Lassen wir die Erinnerungen im Kopf.
LEXIKON. The Police
1977 wurde die Band vom früheren Lehrer Gordon Summer („Sting“) mit Stewart Copeland und Andy Summers gegründet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2007)