Interview: Aus der Hölle von Wien in Darwins Tropen

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Der australische Schriftsteller Peter Goldsworthy über exzentrische Europäer, das Puzzle der Jugend und die flüchtige Schönheit.

Die Spuren des exzellenten Romans „Maestro“ (Deuticke, 2007) führen nach Wien. Von dort stammt eine Hauptfigur, der Pianist Keller. Der Holocaust-Überlebende gibt im tropischen Darwin, Australien, dem damals fünfzehnjährigen Erzähler Paul, einem großen Talent, Klavierunterricht und zugleich Weisheit. Diesen Freitag liest Peter Goldsworthy (*1951) bei „Rund um die Burg“ (16 Uhr) aus seinem Werk. Wie kommt er auf Wien als Nebenschauplatz, den europäischen Stoff?

„Der Zweite Weltkrieg war bei uns sehr präsent. Viele Emigranten aus Europa kamen im Krieg nach Australien. In meiner Jugend wurde das Symphonieorchester in Adelaide von einem österreichischen Dirigenten geleitet. Meine Eltern haben die Wiener Musiktradition geliebt. Aber als ich den Roman schrieb (1989 erschienen), war ich noch nicht in Wien gewesen es war ein mystischer Ort.“ Seine Tochter, eine sehr gute Pianistin, ist in Wien aufgetreten. „Keller hat auch Züge ihrer Lehrerin Eleanora, einer exzentrischen russischen Dame. Er ist ein Meister, wie man ihn sich nur wünschen kann, ein Mentor, der den Schüler auf eine andere Ebene bringt. Der pubertierende Paul weiß das vorerst gar nicht zu schätzen, dass er Lehrstunden fürs Leben bekommt.“

Keller erinnere auch an Richard Strauss. „Er macht sich Vorwürfe, dass er die Gefahr der Nazis nicht erkannt habe. Im Zentrum des Buches steht Platons Kritik der Kunst. Man muss immer misstrauisch gegen die Verführung bleiben. Das erfährt auch Paul beim Erwachsen-Werden, im Umgang mit brutalen Mitschülern. Ein Schlüsselerlebnis für ihn ist, als er Zeuge eines Liebesaktes in der Bibliothek wird. Er sieht durch Lücken in einem Bücherregal nur Teile davon, wie bei einem Puzzle.“

Ein wilder, brillanter Trinker

Der „Maestro“ setze sich aus verschiedenen Charakteren zusammen: „Ich hatte einen interessanten Englischlehrer, einen wilden Trinker mit brillantem Kopf, und einen rumänischen Freund, der Auschwitz überlebt hatte, seine Frau und die erste Familie starben dort. Er sagte mir, dass ihm die Musik die Hölle überleben half.“

Und was hält Goldsworthy vom Schönen? „Es hängt von der Tageszeit ab, vom Blutzucker. Bin ich müde, werde ich puritanisch, aber nach dem Erwachen habe ich die Augen offen für das Schöne. Es gibt also keine leichte Antwort.“

Was wird aus Paul, dem Protagonisten, nach dem Ende des Buches? „Vielleicht wird er ja doch ein guter Pianist?Paul ist auch als Erzähler gereift, er hat sozusagen einen Nachruf auf seinen Lehrer geschrieben und dabei die Lektionen gelernt, denen er sich als junger Mann verweigert hat. Er ist selbstkritisch, demütig, ganz einfach menschlich geworden.“

„Rund um die Burg“: Lesungen: 21. 9. um 16h bis 22. 9. um 17h vor dem Burgtheater. Eintritt frei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2007)

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