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Siemens-Chefin kritisiert Manager-Gagen

Brigitte Ederer ortet „exorbitante“ Gehälter der Bosse, ist für den Kombilohn und gegen Mitarbeiterbeteiligungen.

Die Presse: Österreich steht ein heißer Herbst bevor. Die Lohnverhandlungen dürften schwierig werden. Gewerkschafter fordern einen gerechten Lohn. Gibt's den zumindest bei Siemens?

Brigitte Ederer: Siemens zahlt höhere Löhne, als marktüblich. Sonst wären wir bei Uni-Absolventen nicht der zweit liebste Arbeitgeber.

 

Und an erster Stelle ist der Bund?

Ederer: Nein, an erster Stelle ist BMW.

 

Man gewinnt den Eindruck, dass Arbeitszufriedenheit ausschließlich am Geld festgemacht wird...

Ederer: Ich hab erst unlängst von einer spannenden Umfrage gehört, wonach junge Menschen fast nur noch materielle Werte als Kriterium heranziehen. Ich glaube aber nicht, dass das stimmt. Wenn man in einem Unternehmen nur eine Nummer ist, kann man noch so viel verdienen.

 

Sozialminister Buchinger meint, dass eine Lohnerhöhung um vier Prozent mehr als gerecht sei. Haben Sie mit ihm darüber diskutiert?

Ederer: Nein. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Lohnverhandlungen von den Sozialpartnern geführt werden sollten. Die haben das in der Vergangenheit gut gemacht. Das Land steht deshalb auch gut da.

 

Gewerkschafter meinen, dass wir deshalb gut dastehen, weil die Arbeitnehmer auf viel verzichtet haben. Dem Chef der Eisenbahnergewerkschaft sind ja sogar vier Prozent zu wenig.

Ederer: Es wird vieles sehr verkürzt dargestellt. Die Konsumgüterindustrie hat ein Interesse, dass die Leute viel Geld zum Ausgeben haben. Die Investitionsgüterindustrie, zu der Siemens zählt, hat Interesse, dass die öffentliche Hand und Unternehmungen Geld haben. Siemens geht es nämlich deshalb so gut, weil die Unternehmen investieren. Und – um ihre Frage zu beantworten – auch Arbeitnehmer kann man nicht über einen Kamm scheren. Denn viele sind mittlerweile auch an Fonds oder Aktiengesellschaften beteiligt.

 

Sie meinen, diese Arbeitnehmer wollen Dividende statt Solidarität. Wenn man den Umfragen glauben will, dann fühlen sich immer mehr Menschen ungerecht entlohnt.

Ederer: Das kommt davon, dass Unternehmen Spitzengewinne kommunizieren und gleichzeitig ankündigen, dass sie zehntausend Leute abbauen müssen ...

 

... und darüber hinaus noch gigantische Manager-Gagen zahlen.

Ederer: Das wird Sie jetzt wundern, aber ich glaube, dass bei Management-Gehältern auch ein gewisses Augenmaß bestehen muss. Ich halte exorbitante Einkommen von Führungspersönlichkeiten für schwer erklärbar.

 

Das ist das Spiel von Angebot und Nachfrage. Es gibt halt nicht viele, die einen Konzern lenken können.

Ederer: Glauben Sie nicht, wenn die Frau Ederer morgen stirbt, dass es nicht 3000 Leute gibt, die sagen, sie können das auch?

 

Schon. Aber stimmt das auch?

Ederer: Natürlich können nicht alle gleich viel verdienen. Aber ein Ausreißen von gewissen Gehältern hat zu dieser schlechten Stimmung geführt. Und es sind ja nicht einmal die Gehälter. Was meiner Meinung nach überhand nimmt, sind diese Boni, diese Aktienoptionen, die mitunter ein Vielfaches des Grundeinkommens ausmachen.

 

Versucht die Wirtschaft dieses Problem elegant zu lösen, indem sie sagt: Machen wir doch eine Mitarbeiterbeteiligung, dann sitzen wir alle im selben Boot. Soll jeder einen gewissen Nervenkitzel haben?

Ederer: Ich bin sehr skeptisch was die Mitarbeiterbeteiligung angeht. Wer weniger verdient, der ist stärker von Ausfällen betroffen.

 

Aber viele Arbeitnehmer – etwa in großen US-Konzernen – haben dank Mitarbeiterbeteiligung viel verdient.

Ederer: Stimmt. Mitarbeiterbeteiligung gibt es auch in Österreich, etwa beim Wiener Flughafen. Das geht, solange das einen geringen Teil des Einkommens betrifft. Generell ist es aber unverantwortlich, dem einfachen Arbeiter ein doppeltes Risiko aufzubürden: Einerseits, dass er seinen Job verliert. Und darüber hinaus auch noch, dass seine Aktien plötzlich nichts mehr wert sind.

 

Für Leute, die Angst haben, dass ihr Job in ein Billiglohnland verlagert wird, klingt die Diskussion um Aktienoptionen wohl zynisch. Leute, die etwa im Siemens-Werk in Siegendorf arbeiten...

Ederer: Diese Jobs in Österreich zu halten, ist für mich ein täglicher Kampf. In der Elektronikfertigung in Siegendorf arbeiten mehr als 200 Mitarbeiter.

 

Irgendwann könnte der Moment kommen, wo Sie sagen: Es geht nicht mehr.

Ederer: Das muss gehen. Aber das heißt natürlich extreme Produktivität. Und je lohnintensiver, umso schwieriger ist das.

Auf deutsch: Manche müssen froh sein, dass sie überhaupt Arbeit haben. Was wohl Buchinger und Haberzettl dazu sagen würden?

Ederer: Wir haben eine internationale Arbeitsteilung. Und alle Menschen sind Nutznießer dieser Arbeitsteilung. Denn die Produkte sind ja nun wesentlich günstiger. Ein Hemd aus Österreich würde das Vielfache von einem aus China kosten. Und die Leute kaufen die Hemden aus China. Die Konsumenten fragen ja die internationale Arbeitsteilung nach.

 

Es gibt Unternehmer, die sagen: Wenn wir gewisse Jobs in Österreich halten wollen, dann muss die Öffentlichkeit einen Teil der Kosten übernehmen. Das nennt man dann Kombi-Lohn. Was halten Sie davon?

Ederer: Das kann ein Modell sein für persönliche Dienstleistungen, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen. Wir müssen uns aber auch im Klaren sein, dass in einer Gesellschaft nicht alle Menschen in der Forschung und Entwicklung arbeiten können. Wir müssen Antworten für jene haben, die es nicht schaffen wollen und nicht schaffen können.

 

Welche Antworten haben Sie? Ein Grundeinkommen?

Ederer: Nein. Man muss Arbeitsplätze anbieten, die nicht im Wettbewerb stehen. Das geht nur im Dienstleistungsbereich.

 

Das hört sich ein bisschen danach an: Na lassen wir sie ein bisschen aufräumen und Rasen mähen...

Ederer: Ich verstehe Ihren Zynismus. Aber über die Alternativen macht sich überhaupt niemand Gedanken.

 

Man könnte sinnvolle Jobs subventionieren.

Ederer: Etwa die Pflege. Diese Jobs brauchen wir, wie einen Bissen Brot.

 

Bei der Pflege wäre ein Kombi-Lohn-Modell also sinnvoll?

Ederer: Absolut. Ich meine, dass man Staatsausgaben wesentlich stärker auf ihre Beschäftigungswirkung überprüfen muss. Wir geben viel Geld für die Pflegevorsorge aus, wissen aber nicht, wer die alten Menschen einmal betreuen wird.

 

Das werden aber die Enkerln nicht so gerne sehen...

Ederer: ...weil ihnen die Omas dann nichts mehr zustecken können?

 

Man sollte den Omas also verbieten, den Enkeln Geldzuwendungen zu geben?

Ederer: Man sollte gewisse staatlich Ausgaben stärker in Sachleistungen zur Verfügung stellen.

 

Also etwa das berühmte Pflegegeld oder gar Teile der Pension in Sachleistungen ausbezahlen. Da sind wir bei der „gerechten Pension“ angelangt. Diese Debatte ist noch sehr viel heikler als die über den gerechten Lohn. Wie würden Sie den definieren?

Ederer: Das kann ich nicht. Jeder sollte ein Einkommen haben, das ihm eine gute Versorgung ermöglicht. Aber Gerechtigkeit ist subjektiv. Wahrscheinlich empfindet Bill Gates sein Einkommen auch als gerecht.

 

Und wie ist es mit Brigitte Ederer?

Ederer: Ich habe mir in jüngeren Jahren nicht einmal in kühnsten Träumen vorstellen können, dass ich einmal dieses Einkommen haben werde. Und deshalb ist es für mich mehr als OK.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2007)