Orlando und Rosalinde

Was geschah, ehe die liebliche Julia auf den Balkon trat?

Was ist eigentlich aus Rosalinde geworden, dieser ersten fast noch unschuldigen Liebe Romeos, über die er so adrette Sonette verfasste, die wir aber nie zu Gesicht bekamen? Ging sie nach der Tragödie ins Kloster? Hat sie geheiratet, einen der wenigen Überlebenden im wahnsinnigen Machtkampf der großen Familien Veronas? Das weiß nur Will allein. Doch immer, wenn ich Shakespeares verwirrendes Liebesdrama „Romeo und Julia“ sehe, frage ich mich, wie die Geschichte wohl ausgegangen wäre, wenn sie „Romeo und Rosalinde“ geheißen hätte.

Denn der Name ist vielversprechend. In „As You like it“ spielt Rosalinde, die Tochter des exilierten Herzogs, die vielleicht begehrenswerteste Frau bei Shakespeare überhaupt. Sie wirkt viel klüger als die unreife Julia und wäre der passende Partner für jeden Lebensabschnitt. Rosalinde überlebt, kriegt den schönen Orlando und sagt am Schluss, (die Frauenrollen wurden von Buben gespielt): „Wenn ich eine Frau wäre, würde ich so viel von euch küssen, wie sie Bärte haben, die mir gefallen.“

Das sitzt, doch für elisabethanische Ohren war es ein respektabler Scherz. Die Romantik, bei der man so blöde glotzt, kam erst viel später. Es wäre durchaus möglich, sich ein Auftragswerk von Shakespeare vorzustellen, das er „Rosalinde und Romeo und Mercutio“ genannt hätte. Denn auch Romeos Freund Mercutio spricht fachmännisch wie ein Teenager über dieses Liebchen. Der fleißige Übersetzer Frank Günther, der allen Finessen der Sprache auf den Grund geht, lässt Mercutio Folgendes über Romeos ersten Flirt sagen:

Nun sitzt er unter einem Zwetschgenbaum / Und träumt von seinem liebsten Früchtchen und / Von dem, was Mädchen kichernd Pflaume nennen; / Ach Romeo, wär sie ein Vögelbeerbaum doch / Und du ihr Specht und hacktest froh dein Loch!

Sie meinen, solch ein vulgärer Umgang wäre nichts für eine höhere Tochter wie Julia? Nun, nachdem sie von Romeo angehimmelt worden ist, von Lippen als Pilger gestammelt hat und kleine Handgreiflichkeiten geschehen ließ, kommt sie bald zur Sache und wünscht sich, als sie sich unbeobachtet glaubt, etwas mehr Action im Bett. Solche Sätze werden von keuschen Übersetzern wie Schlegel diskret unterschlagen, und das ist schade. Denn wer mit Shakespeare schockieren will oder auch nur ergötzen, der braucht nur hinzuhören, was er uns durch seine vielen Helfer sagen will.

Ein Tipp für Machos, die mehr über Frauen wissen und für deren Wünsche sensibilisiert werden wollen, ist die unvergleichliche, fantastische und sogar gesprächige Rosalinde. Romeo, der arme Bub, ist leider viel zu früh abgewiesen worden. Orlando hat mehr Glück. Aber der spielt in einer Komödie, findet aus dem Wald von Arden und landet im Hafen der Ehe.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2007)

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