Weltmeisterschaft: Klettern ist Abenteuer im Kopf

(c) Gepa (Martin Dirninger)
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Angela Eiter eroberte zum zweiten Mal Gold im Vorstieg. Nach WM, Weltcup und World Games fehlt der Tirolerin nur noch ein Sieg – jener bei Olympia. Aber noch ist Klettern nicht olympisch.

AVILES. Manchmal scheint es, als könne Angela Eiter als „Spider-Woman“ die Schwerkraft überwinden: Leichtfüßig und elegant kletterte die 21-jährige Tirolerin im nordspanischen Aviles zum Weltmeistertitel im Vorstieg – und wiederholte damit ihren Erfolg aus dem Jahr 2005. Das Superfinale der besten zwölf Athletinnen dominierte sie ebenso souverän wie die Durchgänge davor: „Es war eine lässige Runde“, jubelte sie, „aber ich musste fighten bis zum Schluss.“ Vor allem gegen die um zwölf Jahre ältere Belgierin Muriel Sarkany, die sie letztlich aber abschütteln konnte. Die musste einsehen, dass Eiter „den Klettersport lebt und so unglaublich konzentriert ist. Das sieht man selten – auch in anderen Sportarten.“

„Freilich musst du körperlich voll in Form sein“, sagt der 1,54 m große und nur 46 kg schwere „Kletterfloh“. Aber ebenso wichtig sei die mentale Fitness. Im Kopf frei zu sein sei daher eine Grundvoraussetzung für Erfolg in der Wand: „Für Höhenangst ist bei uns Kletterern natürlich kein Platz, ganz klar.“ Aber, fügt sie lächelnd an: „So hoch steigen wir ja auch wieder nicht hinauf: Das sind ja nur 25, 30 Meter.“

Memory in sechs Minuten

Nur sechs Minuten haben die Athleten Zeit, sich die Wettkampf-Routen anzusehen und einzuprägen. „Das ist wie Lesen in einem Buch, wenn du nach der Intention des Autors fragst“, sagt Eiter, wie ein Abenteuer im Kopf. „Du musst jede Griff-Tritt-Kombination ansehen und analysieren: Was wollte der Routensetzer?“ Und genau darüber gebe es auch zwischen den Konkurrentinnen heiße Diskussionen, wie einzelne Passagen am besten zu knacken sind. Als ausgesprochene Ästhetin hatte sie allerdings bis zuletzt ein Problem: Ihr äußerst kontrollierter Kletterstil hatte die Ausnahmekönnerin mehrfach in Zeitnot gebracht, da die Routen in einer vorgeschriebenen Zeit zu absolvieren sind. Seit sie beim Klettern eine Uhr trägt, erreicht sie das Top nicht nur effektiv, sondern auch wesentlich schneller.

Vierter Weltcupsieg in Griffweite

Als sie elf Jahre alt war, hatte die aus Zams stammende Tirolerin begonnen, „die Kletter-Wände zu lesen“ und sie entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Sportlerinnen ihrer Disziplin. Seit 2004 dominiert sie das Geschehen im Vorstieg-Klettern – jener Disziplin bei der es darum geht, die Wand möglichst bis zum obersten Griff, dem Top, durchzuklettern. Seither hat die 21-jährige Pitztalerin dreimal den Gesamtweltcup im Vorstieg gewonnen, in der laufenden Saison liegt sie ebenfalls in Front: „Abwarten, es sind noch vier Weltcup-Stationen und die Spitze liegt eng beisammen“, stapelt sie tief.

Dennoch hat Eiter beinahe schon alles gewonnen: Neben der WM 2005 in München im selben Jahr auch Gold bei den World Games in Duisburg. Und beim „Rock Masters“ in Arco, vergleichbar mit Kitzbühel im Skisport, war sie bereits viermal erfolgreich. Ein anderer großer Titel ist aber vorerst unerreichbar: Ein Sieg bei Olympia: „2016 könnte der Sport olympisch sein. Allerdings, da bin ich dann schon 30. . .“, meinte sie im Gespräch mit der „Presse“. Bei den Spielen in Turin war Klettern olympischer Schaubewerb, eine erste Hürde für die Aufnahme in den Olympia-Kanon ist damit jedenfalls gemeistert. Und Klettern als Olympia-Disziplin könnte dem ohnehin boomenden Sport einen weiteren Schub geben.

Unter den Erwartungen hingegen blieben die österreichischen Herren bei dieser WM: Kilian Fischhuber, der Boulder-Vizeweltmeister 2005 und Boulder-Weltcupsieger 2007, verpasste knapp das Finale in seiner Parade-Disziplin – bei dieser spektakulären Disziplin wird auf niedrigen Wänden ohne Seil geklettert. Ihm machte eine Fingerverletzung wieder zu schaffen, die schon seinen Start beim bedeutendsten Turnier der Kletterszene, dem Masters in Arco, verhindert hatte. Ebenfalls am Finaleinzug gescheitert ist der 16-jährige Senkrechtstarter David Lama. Der Europameister im Vorstieg und im Bouldern konnte nicht an seine herausragende Form, die er im Frühling hatte, anschließen. Anna Stöhr wurde im Boulder-Finale Zehnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2007)

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