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Vormodern trifft auf Postmodern

Islamische Reformbemühungen verdienen Unterstützung: Sie sind der Schlüssel zu einer friedlichen Zukunft.

Eine Zwischenbilanz der Islam- und Integrationsdebatte im Gefolge der Festnahme dreier Wiener Muslime durch die Polizei fällt durchwachsen aus. Sie hat im Wesentlichen all jene Muster, die in der österreichischen Gesellschaft zum Thema Integration latent vorhanden sind, überdeutlich zu Tage treten lassen.

Etwa die Bereitschaft intellektuell minderausgestatteter, aber allzeit hassbereiter Politextremisten wie Heinz-Christian Strache, die Xenophobiekarte auszuspielen. Es zeigt sich am Beispiel des Brigittenauer Protestmarschs, dass seine „Jugendsünden“ im Dunstkreis der Neonaziszene aus einem emotionalen Reservoir gespeist waren, auf das er auch heute noch ungehinderten Zugriff hat. Und es zeigt sich an seiner Forderung nach einem Kopftuchverbot, dass seine intellektuellen Kapazitäten, trotz langjährigen NLP-Dopings, nicht zum Verständnis der österreichischen Rechtslage im Bereich Grundrechte und religiöse Angelegenheiten reichen. Wer sagt, dass „Volksrecht“ vor „Völkerrecht“ geht, gehört in die Sonderschule, nicht ins Parlament.

Strache passt, nimmt man seinen psychopolitischen Grundzuschnitt und seine konkreten politischen Forderungen zusammen, eher nach Teheran als nach Wien. Den Mann, der „Daham statt Islam“ plakatieren lässt, verbindet mit den Mittelaltermullahs deutlich mehr als mit einem neuzeitlichen Mitteleuropäer.


Es zeigt sich an der Debatte der vergangenen Wochen allerdings auch, dass die Political correctness in diesem Land deutlich besser entwickelt ist als die Bereitschaft zu offener Auseinandersetzung. Inzwischen regiert nicht mehr nur die Angst, selbst als Rechtsextremer oder als Reaktionär beschimpft zu werden, wenn man dem ortsüblichen Multikultigetue konkrete Anfragen an die Kompatibilität des Islam mit einer säkularen Gesellschaft unserer Tage vorzieht. Wir sind inzwischen so weit, dass schon die Angst vor dem „Applaus von der falschen Seite“ – also lautstarke Zustimmung von Rechtsextremen oder Reaktionären oder solchen, denen eine solche Haltung unterstellt wird – Leute zum Verstummen bringt, die eigentlich sehen müssten und könnten, auf welche Probleme wir zusteuern, wenn es nicht zu Reformprozessen innerhalb der islamischen Gemeinschaften Europas kommt.

Was sich bereits seit geraumer Zeit abspielt, ist in Anlehnung an eine Definition des Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner das Folgende: Ein vormoderner, glaubensstarker und kinderreicher Islam trifft auf ein postmodernes, glaubensschwaches, kinderarmes Christentum, das inzwischen nicht einmal mehr bereit oder in der Lage ist, seinen eigenen Beitrag zur kulturellen Entwicklung des Kontinents ernst zu nehmen. Das Feld, auf dem sich diese Begegnung abspielt, ist der säkulare Rechtsstaat, der zwar in wesentlichen Teilen gegen die christlichen Machthaber Europas durchgesetzt werden musste, zugleich aber ohne die Voraussetzungen des christlichen Menschenbildes in den Bereichen Freiheit und Individualität nicht denkbar gewesen wäre.


Die Frage, die den islamischen Gemeinschaften in Europa in aller Härte und Deutlichkeit gestellt werden muss, ist also, ob sie in Theorie und Praxis bereit und in der Lage sind, die Regeln, die auf diesem Spielfeld herrschen, zu akzeptieren. Zugleich muss der säkulare europäische Rechtsstaat bereit sein, diesen Regeln konsequent Geltung zu verschaffen. Wenn ein Mann glaubt, dass ihm seine Religion das Recht gibt, seiner Frau und seinen Töchtern ihre Rechte auf gesellschaftliche Partizipation zu entziehen oder sie gar physisch zu unterdrücken, muss ihm dieser Irrtum durch einen Einsatz der Exekutive klar gemacht werden. Genau so, wie das bei einem Österreicher der Fall ist, der aus welchen Gründen auch immer glaubt, physische oder psychische Gewalt gegen Familienmitglieder ausüben zu dürfen.

Was Ednan Aslan, der Leiter der islamischen Religionspädagogik an der Wiener Universität, mit seinen Studentinnen und Studenten erreichen will, ist der Schlüssel zu einer friedlichen Koexistenz von unterschiedlichsten religiösen Gruppen auf dem Boden des liberalen Rechtsstaates: Säkularisierung als Chance zu begreifen, nicht als Bedrohung. Man wird sehen, ob die Islamische Glaubensgemeinschaft, in der demnächst Wahlen anstehen, dazu heute schon in der Lage ist oder ob sie in ihrer defensiven Rolle verharrt. Eine eindeutige Positionierung der politisch Verantwortlichen könnte diesen Prozess vermutlich beschleunigen.

„Wiener Schule“ des Reform-Islam Seite 1
Strache fordert Kopftuchverbot Seite 3


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2007)