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Studieren in Absurdistan

Es gäbe eine stimulierende Lösung für das europäische Uni-Zugangs-Problem. Leider ist sie politisch unkorrekt.

Am unterhaltendsten sind doch immer die Aussendungen der Hochschülerschaft. So zum Beispiel gestern zur Verlängerung der Zugangsbeschränkung in acht Studien. Da heißt es: „Die SPÖ zeigt neuerlich wie sehr sie sich bereits an ihren neoliberalen Kurs gewöhnt hat und verabschiedet sich mit einer generellen Akzeptanz der Zugangsbeschränkungen erneut massiv von ihren Grundsätzen..., reagiert Lisa Schindler vom ÖH-Vorsitzteam abschließend.“ Wir wollen hier nicht über vergessene Beistriche lästern (wer im Glashaus sitzt...) und auch nicht über die voreilige Wut über die SPÖ, deren Grundsätze offenbar wie ein verstoßener, aber treuer Hund immer wieder zurückkehren, so dass sich die Partei wiederholt von ihnen verabschieden kann, und das dann auch noch massiv. Was uns hier interessiert, ist die in dieser „abschließenden Reaktion“ deutlich werdende Zwickmühle der Regierungsparteien – die aber mit Neoliberalismus ungefähr genauso viel zu tun hat wie mit Kubismus, Zionismus, Nudismus oder Astigmatismus.

Ein freier Universitätszugang ist doch ohne Zweifel liberaler (ob neo- oder alt- oder sonstwie) als ein behördlich zwangsregulierter Zugang. Wirklich (neo)liberal wäre aber ein Modell, bei dem man eine erhaltene Leistung, von der man selbst am meisten profitiert, auch selber bezahlen muss. So ein Modell muss nicht unsozial sein (dazu später), und hat gleich mehrere unleugbare Vorteile: Was etwas kostet, ist etwas wert. Und ein freier Bildungsmarkt, wo sich die Preise durch Angebot und Nachfrage bilden, ist ein unschlagbarer Indikator dafür, welches Studium wie viel wert ist. Der Markt als Entdeckungsverfahren hat den schönen Effekt, dass weniger Geld in unbrauchbare Studien und träge Fakultäten fließt und mehr Geld dorthin, wo hervorragende Arbeit geleistet wird. Voraussetzung ist natürlich, dass die – weitgehend kostendeckenden – Studiengebühren auch dort ankommen, wo die Kosten entstehen.

Der Staat kann dann immer noch ausgleichen, wo er Interesse an nicht marktfähigen Ausbildungen oder Forschungsstätten hat oder – wohl häufiger – wo er die Institute politisch gut verzahnter Professoren nicht sterben lassen möchte. Und es würde auch nicht das Geld allein regieren: Anpassungsprozesse an Studien-Trends brauchen ihre Zeit. So wäre es im Prinzip zwar eine großartige Chance, wenn etwa die Wiener Medizin-Uni von ausländischen Studenten gestürmt und bezahlt würde, aber es würde doch einige Zeit dauern, bis sie für eine Verdoppelung der Hörerzahlen adaptiert wäre, ganz zu schweigen von der dafür zu erhöhenden Patientenzahl im AKH. In der Realität würde es daher kaum je ohne zusätzliche Selektionsprozesse abgehen – aber im Großen würde die Verteilung der Mittel wesentlich effizienter erfolgen als heute.

Das, wie gesagt, wäre das (neo)liberale Modell. Was wir bisher hatten – und für drei Viertel der Studienanfänger auch weiterhin haben werden –, ist eine groteske Hybridform: Bei der Inanspruchnahme der Leistung gilt das Prinzip des freien Marktes, beim Angebot aber herrscht Planwirtschaft. (So ein Konstrukt hat übrigens zum Zusammenbruch der Stromversorgung in Kalifornien geführt, aber das nur nebenbei.) Dieses Modell wird in einem europäischen Bildungssektor vollends absurd, in dem nicht der Käufer die Kosten trägt, sondern der Verkäufer. Die nun prolongierten Eingangstests sind daher im Moment unumgänglich, aber nur als Notlösung: Auf Dauer führen sie – wie einst die Lebensmittelmarken-Rationierung – zu Strukturversteinerung und Unterversorgung.

Es gäbe eine europäische Lösung für dieses europäische Problem: den Studiengutschein. Studieren würde demnach in ganz Europa weitgehend kostendeckend gebührenpflichtig. Jedes Land, das seinen Bürgern weiterhin Gratis-Studieren ermöglichen will, rüstet sie mit solchen Uni-Schecks aus, die im Inland oder im Ausland gegen ein Studium eingetauscht werden können. Man kann dann auch weiterhin etwa in Deutschland den Numerus clausus oder dergleichen hochhalten, aber dann tragen die Studenten das Geld eben ins Ausland, und österreichische Universitäten werden reich.


Solche Ideen sind nicht neu. Aber unbeliebt in einem Milieu, wo das Wort „Evaluation“ gern als Angriff auf die Freiheit der Wissenschaften verstanden wird, wo man verdrängt, dass 30 Jahre hürdenloser Uni-Zugang die Akademikerquote von Arbeiterkindern kaum erhöht hat, und wo die verantwortlichen Politiker den ungeliebten Leistungswettbewerb von Forschungs- und Bildungsstätten durch Beschwörung des Ersatz-Vokabels „Benchmarking“ zu umgehen suchen. Weitblick ist das nicht, reagiert die „Presse“ abschließend.

Freier Uni-Zugang: Ende auf Raten Seite 1


michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2007)