IRPA-Chef: „Situation der Muslime verschlechtert“

(c) DiePresse (Michaela Bruckberger)
  • Drucken

Elsayed Elshahed, Direktor der Islamischen Religions-pädagogischen Akademie, meint, der Islam habe mit der Emanzipation der Frau kein Problem. Mit Homosexualität schon.

Die Presse: Jörg Haider hat Sie als radikalen Islamisten bezeichnet. Wie kommt er auf so etwas?

Elsayed Elshahed: Das müssen Sie ihn fragen. Ich werde ihn deswegen klagen, und er muss seine Behauptung schriftlich begründen. Sonst ist das Rufmord. Ich lasse das nicht auf mir sitzen.


Es gab umstrittene Wortmeldungen von Ihnen, etwa, dass der Islam nicht einsieht, dass der säkulare Weg der bessere sein soll.

Elshahed: Ich bin kritisch gegenüber mir selbst, meinen Glaubensbrüdern, aber auch gegenüber anderen. Einige können mit Kritik nicht umgehen und suchen dann bei mir ein Haar in der Suppe. Ich habe gesagt, dass der Islam nicht einsieht, dass der säkulare Weg der „einzige“ richtige Weg zum Fortschritt sein soll. Das Wort „einzige“ wurde einfach herausgestrichen.

Warum passieren solche Missverständnisse gerade bei muslimischen Vertretern so häufig?

Elshahed: Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass Muslime insbesonders in letzter Zeit angefeindet und angegriffen werden. Natürlich gibt es Muslime, die etwas im Namen des Islam tun, was wir ablehnen. Diese Beispiele werden von einigen Politikern und Journalisten pauschalisiert.

Hat sich die Situation der Muslime in Österreich verschlechtert?

Elshahed: Man kann nicht übersehen, dass es früher viel besser war als in den letzten zwei Jahren.

Sehen Sie das als Folge der innenpolitischen Debatte?

Elshahed: Ja, aber vieles kommt auch von außen, etwa die Debatte über das Kopftuch, die in Deutschland vor vier Jahren los ging. Damals habe ich in einem Interview stolz gesagt: Österreich hat dieses Problem nicht. Aber die Österreicher haben ihre Einstellung gegenüber Muslimen zum Negativen geändert. Unsere Distanzierung von dem, was einige Muslime tatsächlich tun, wird nicht gleichermaßen in der Presse wahrgenommen. Und wir müssen uns oft fragen, ob der Hang zum Extremismus nicht auch eine Frage der Erziehung ist. Aber es ist nur eine kleine Gruppe von Muslimen, die eine Angriffsfläche bieten. Und dann heißt es, dass bei uns Muslimen etwas falsch läuft.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie die zweite und dritte Generation mit dem Religionsunterricht erreichen?

Elshahed: Wir erreichen einen großen Teil, sicher nicht alle. Es steht jedem frei, sich abzumelden. Ich versuche, die Gründe dafür zu erforschen. Vielleicht liegt eine Teilschuld bei uns.

Angeblich melden einige ihre Kinder ab, weil der Unterricht zu fundamentalistisch ist.

Elshahed: Was wir anbieten, ist transparent und wird vom Stadtschulrat durch unangekündigte Inspektionen überprüft.

Werden Lehrer unterrichtet, etwa was man zur Rolle der Frau sagt?

Elshahed: Das ist Bestandteil des Lehrplans. Das unterrichte ich selbst im Fach Theologie.

Können Sie kurz darstellen, wie Sie die Rolle der Frau vermitteln?

Elshahed: Wir schauen, wie der Prophet Mohammed mit Frauen umgegangen ist und nehmen uns das als Vorbild. Er sagt, Frauen sind Blut-Geschwister der Männer, also hundertprozentig gleich. Er sagt aber auch: Die besten unter Euch sind diejenigen, die die Frauen liebevoller als andere behandeln. Dass Frauen weniger wert sind, kommt in keinem einzigen Satz bei uns vor, das wäre unislamisch. Unser Problem ist, dass Tradition oft mit Religion verwechselt wird. Und es ist wahr, dass die Stellung der Frau in islamischen Ländern verbesserungsbedürftig ist.

Wie werden in der Akademie Dinge wie Emanzipation und Homosexualität gesehen?

Elshahed: Mit der Emanzipation der Frau haben wir kein Problem. Aber mit Homosexualität haben wir Probleme. Rechtlich gesehen ist es eine schwere Sünde. Wir haben Probleme, zu denen wir noch deutlicher Stellung nehmen müssen, auch mit rationaler Argumentation. Auch warum ein Muslim eine nicht-muslimische Frau heiraten darf, es umgekehrt aber nicht geht. Das ist erklärungsbedürftig. Wir behandeln das an der Akademie im Rahmen der Gleichstellung der Frau. Die Frage beantworte ich wie Imam Ali, der vierte Kalif. Einmal hat ihn ein Christ von Medina gefragt: ,Wir verheiraten unsere Frauen mit euch, ihr verheiratet eure Frauen nicht mit uns. Warum?‘ Und Imam Ali sagt: ,Wir glauben an Euren Propheten und seine Botschaft. Also sind Eure Frauen bei uns sicher. Ihr glaubt an unseren Propheten nicht, bei Euch ist nicht sicher, dass unsere Frauen ihre Religion ausüben können.‘ Das war vor 1400 Jahren.

Ist das immer noch so?

Elshahed: Ich glaube, dass wir auf gleicher Ebene stehen müssen, wenn wir Dialog führen wollen. Juden und Christen sind für uns Schriftbesitzer, also nicht Ungläubige. Sie besitzen eine heilige Schrift, die von Gott gekommen ist. Diese monotheistischen Religionen erkennen die dritte nicht an, die sie von vornherein anerkennt.

Woher kommt dann der Begriff Ungläubige?

Elshahed: Das steht im Koran ursprünglich für die Bewohner von Mekka, die Mohammed bekämpft haben. Sie wurden auch Polytheisten genannt.

Dann ist der Begriff „Ungläubiger“ ein Missverständnis?

Elshahed: Sicherlich sind auch einige Muslime daran schuldig, denn sie definieren das. Unter Juden und Christen gibt es Ungläubige – aber auch unter Muslimen.

Zurück zur Ehefrage: Sie glauben, dass Ehen zwischen muslimischen Frauen und nicht-muslimischen Männern nicht in Ordnung sind?

Elshahed: Vom Recht her ist es nicht erlaubt. Wir wollen erklären, warum dies so ist. Man muss die Anweisungen im Rahmen des historischen Kontexts verstehen. Der Islam besteht ja aus zwei Teilen, einmal die Theologie, die ist unveränderlich, also etwa Glaube an Gott, beten, fasten usw., auf der anderen Seite ist die juristische Seite, die Scharia. Diese Gesetzgebung ändert sich abhängig vom gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Hintergrund. Einige Verbote könnten durch kulturelle Änderungen auch einmal erlaubt werden.

Und wann ist die Ehe mit einem Christen in Ordnung?

Elshahed: Solange er Respekt vor dem Propheten Mohammed hat und den Koran als heilige Schrift anerkennt, ist das in bereits bestehenden Ehen, meines Erachtens, in Ordnung.

Was sagen Sie zur Aussage von Ednan Aslan (Leiter „Islamische Religionspädagogik“ der Uni Wien), dass die Chance des Islam in Europa in der Säkularisierung besteht?

Elshahed: Ich bin dankbar, dass es hier Säkularismus gibt. Sonst würde es die Muslime in einer theokratischen Gesellschaft nicht geben. Ich denke nur an das Mittelalter, die Inquisition und das, was mit Nichtchristen geschehen ist.

Demnach müssen Sie Forderungen nach einem Gottesstaat ablehnen?

Elshahed: Es gibt keinen Gottesstaat. Gott ist Gott und der Menschenstaat besteht aus Menschen. Gott gab uns die Richtlinien und Anweisungen, die sich durch eine Eigendynamik auf unsere Situation heute anpassen können.

ZUR PERSON

Elsayed Elshahed ist Direktor der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) in Wien und Professor an der Al-Azhar Universität in Kairo.

Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider hat ihn als radikalen Islamisten bezeichnet – Elshahed klagt ihn nun deswegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.