Coolness gegen Gesundheit

Der Kampf um das Rauchen ist ein regelrechter Kampf der Weltanschauungen. An der Universität Wien wird er symbolhaft ausgefochten. Seit Monaten wuchert im Hauptgebäude und im NIG ein Schilderwald scheinbar planlos vor sich hin. Vom Fußboden bis zur Decke – die Botschaft ist allseits präsent: Rauchen ist hier nicht gestattet.

Drinnen wurden die Aschenbecher abmontiert, einige Fenster gar mit Vorhängeschlössern versehen. Geraucht wird trotzdem. Wie zum Hohn liegen Zigarettenstummel auf dem Fußboden und auf den Fensterbänken. In den Ferien sind es weniger, während des Semesters umso mehr, besonders in der kalten Jahreszeit. Und das sehr zum Ärger der Nichtraucher.

Eine Kluft tut sich auf – zwischen Vernunft und Unvernunft. Auf der einen Seite steht der Fortschritt und das Streben nach Gesundheit, um dem jugendlichen Schönheitsideal möglichst lange zu entsprechen. Auf der anderen Seite der Genuss und der gute altmodische Verstand. So wird etwa das Philosophie-Institut zwischen den Lehrveranstaltungen weiterhin eingenebelt – schließlich bildet man hier den Geist und nicht den Körper. Der ist bestenfalls nur eine weltliche Nebensache.

Ganz vernachlässigen sollte man ihn aber trotzdem nicht. Vorbilder wie Jean-Paul Sartre sind schon lange tot und heute steht die Zukunft der Sünder auch noch schwarz auf weiß auf der Zigarettenpackung.

Paradox zeigt sich im Kampf der Raucher gegen die Nichtraucher auch die ästhetische Doppelmoral. Denn ein Rest des coolen Images ist doch geblieben, nicht zuletzt wegen der zerstörerischen Wirkung der Glimmstängel. Rauchen zeigt, dass sich jemand eben nicht um Gesundheit und Zukunft schert, sich unsterblich wähnt – der Inbegriff jugendlichen Leichtsinns. Und scheinbar attraktiv. Doch wer lange schön bleiben will – auch ein Ideal – sollte den Griff zur Zigarette lieber bleiben lassen.

Ein friedliches Nebeneinander wird es zwischen diesen Fronten wohl nicht geben, solange man sich die gleiche Luft teilen muss. Raucherzimmer sind im Hauptgebäude der Uni Wien baulich nicht machbar. So bleiben dicke Mauern als Grenze und die Gewissheit, dass der eine irgendwann über den anderen triumphieren wird. In einer Gesellschaft, die Vitalität preist, wird sich Rauchen in öffentlichen Gebäuden vermutlich nicht mehr lange halten können. Dafür ist der soziale und politische Druck mittlerweile zu groß.

Noch gibt es ein paar „Raucheroasen“, aber zu denen haben die Studenten meist keinen Zutritt – die Zimmer der Professoren. Langsam ist es wohl an der Zeit, den Glimmstängel abzugeben und ein Abo im Fitness-Club zu beantragen. Goodbye Coolness.


heide.rampetzreiter@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2007)