Zur Eröffnung der Medientage wurde die Boulevardisierung der Medienlandschaft kritisiert, die Zukunft des Fernsehens diskutiert und demonstriert.
Wie sieht die neue Fernsehwelt aus? Digital, das ist klar. Und mobil. Auf der Medienmesse, die bis Freitag im Wiener Messezentrum stattfindet, kann man sich einem derzeit viel bemühten Schlagwort am Stand der ORS (der ORF-Sendetechniktochter) annähern: Handy-TV. Fernsehen auf einem Mini-Display mit einem Ton (via Freisprecheinrichtung des Handys), der gegen das Hintergrundgemurmel kaum ankommt – werden die Konsumenten das wollen? Vermutlich ja. Der Praxistest beweist: Die Bildqualität ist wunderbar (zumindest beim Pilotversuch), das Format bei Informationssendungen ebenso erstaunlich unerheblich wie bei der Familie Feuerstein. Und der Ton? Den kann man mittels Ohr-stöpseln verbessern. Fazit: Fernsehen am Handy funktioniert erstaunlich gut. Die „ZiB“ in der U-Bahn, die Mini-Serie im Autobus – die Gratiszeitungen zum Pendler-Zeitvertreib werden demnächst ernsthafte Konkurrenz bekommen.
„Besser, sich selbst zu fragmentieren“
Was neue Entwicklungen wie Handy-TV für die klassischen Fernsehanbieter bedeuten, das wurde am Eröffnungstag am Podium erörtert: „Es gibt nicht den geringsten Grund, Angst vor den neuen Technologien zu haben – für mich sind sie vor allem neue Distributionsmöglichkeiten“, zeigte sich Gerhard Zeiler, Chef der RTL-Group und ehemaliger ORF-Intendant, optimistisch. „Die Chancen durch die Digitalisierung sind größer als die Risiken.“ Für einen Einzelsender werde es aber zunehmend schwieriger, glaubt der RTL-Boss: „Im Wettbewerb von Hunderten Kanälen braucht man eine Senderfamilie, um erfolgreich sein zu können.“
Es sei „besser, sich selbst zu fragmentieren, als von anderen fragmentiert zu werden“. Und man dürfe „nicht alles auf eine Karte setzen“, müsse Erlösquellen diversifizieren. Die verschiedenen Distributionskanäle – neben Free-TV auch On-Demand-Angebote, Downloads bis hin zur DVD-Vermarktung etc. – würden in Summe „eine höhere Reichweite erzielen als ein Flaggschiff-Sender allein“, so Zeiler, der für derlei Aktivitäten von der Werbewirtschaft zusätzliches Geld will: „In den USA werden Downloads mitbezahlt.“ Die Digitalisierung eröffne neue Verbreitungswege hin zu spezifischen, teilweise recht kleinen Zielgruppen, so Zeiler. „Wir brauchen den Mut zur Nische – durch Digitalisierung können auch Nischenprodukte ein rentables Geschäft sein.“
ORF-General Alexander Wrabetz zeigte sich ob der digitalen Chancen enthusiasmiert und meinte: „Wir haben die Zukunft des Fernsehens noch vor uns, nicht hinter uns.“ Natürlich werde die Konkurrenz schärfer – „1998 konnte ein Durchschnitts-Haushalt in Österreich 35 TV-Sender empfangen, jetzt sind es 75“ –, aber die großen Sender verlören vor allem an die vielen kleinen Sender. „Sie sind die großen Gewinner der Digitalisierung.“
„Gefahr medialer Vorverurteilung“
Bundespräsident Heinz Fischer kritisierte die „Vereinfachung“ und „Vermischung von Information und Unterhaltung“ und forderte verantwortungsvollen Journalismus: „Es gibt die Tendenz der medialen Zuspitzung und damit die Gefahr der medialen Vorverurteilung.“ Augenmaß und Verantwortung seien wichtig und ein „hohes Maß an Selbstkontrolle“, – Fischer plädierte für die Wiederbelebung des Presserates. Verleger Hans-Jörgen Manstein ortet einen negativen „Klimawandel“ – mit der Einführung des angelsächsischen Boulevard-Modells und dem Start von „Österreich“ habe sich „alles geändert“, beklagt Manstein: Österreichs Medien befänden sich „auf dem Weg zur Selbstinferiorisierung“.
MESSE UND TAGUNG
Bis 28. September laufen noch Medienmesse und Medientage im Messezentrum Wien, Halle D.
Tag zwei der Medientage thematisiert die Zukunft der (Gratis-)Printmedien und die Frage, ob Online weiter boomen wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2007)