Dieter Ronte: „Verdammt, wo sind wir gelandet?“

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Dieter Ronte, Ex-Mumok-Chef, neuer Frohner-Forum-Leiter, über die neue Angepasstheit der Kunst.

Hertha Firnberg musste er Yves Klein schmackhaft machen. Erhard Busek versuchte er vergebens zu einem Ringstraßen-Museum zu überreden. Den verstorbenen Sammler Peter Ludwig, dem der damals 36-jährige Leipziger seine Position als Direktor des Museums moderner Kunst in Wien teilweise zu verdanken hatte, erlebte Dieter Ronte auch von seiner cholerischen Seite.

Nach der Zeit am Wiener Moderne-Museum in den Achtzigerjahren übernahm Ronte das Sprengel-Museum in Hannover und das Kunstmuseum in Bonn. Im Januar tritt der 65-Jährige in den Ruhestand. Stephan Berg, der vom Kunstverein Hannover nach Bonn wechselte, löst Ronte ab.

Wie findet man Museumsdirektoren? Da möchte sich Ronte nicht einbringen: „Fällt mir gar nicht ein“, sagt er. Als er Ende der Achtziger nach Hannover ging, hinterließ er dem Ministerium eine Liste mit Namen potenzieller Nachfolger, auf ihr stand auch Lóránd Hegy, der das Rennen machte.

Wer den Posten des Moderne-Museums-Direktors ausfüllt, klagt und jammert viel. Ronte, der mit dem jetzigen Mumok-Chef Edelbert Köb befreundet ist: „Das Mumok hat sich groß entwickelt. Aber es ist in einem sehr schwierigen Neubau, der zu klein ist.“ Einen Neubau – Köb wünscht sich diesen, freilich ohne viel Aussicht, auf der Donauplatte – findet Ronte „gut“. „Aber die Innenstadt ist immer der idealere Standort. Wenn man das Museum auf der Donauplatte macht, muss man es strukturell einbinden, dass die Leute hingehen, z.B. mit kulturellen Vernetzungen auf der Donauinsel.“

Staat soll eingreifen

In Wien habe sich vieles seit seiner Zeit verbessert im Museumsbereich: „Dennoch gibt es die alten Defizite. Die laufenden sachlichen Kosten sind zu niedrig angesetzt.“

Schon vor 20 Jahren habe er Vorschläge für eine sinnvolle Reorganisation gemacht, wie sie auch jetzt wieder vom Ministerium angestrebt wird. Soll man die Museumsdirektoren in ihrer Handlungsfreiheit beschneiden? „Im Prinzip muss man sagen, je stärker ein Museums-Chef ist, desto besser ist es für das Haus. Dennoch muss etwas unternommen werden. Es ist sehr viel dazu gekommen, Neubauten, Stiftungen, Kunsthandel, Galerien. Man hat zeitgenössische Kunst im Moderne-Museum, bei Leopold, im Belvedere, in der Albertina, im MAK. Sehr viele Institutionen versuchen denselben Strumpf zu stricken anstatt ein großes Gewand für die bildenden Künste herzustellen. Irgendwann muss die Republik sagen, wir müssen das anders strukturieren, bündeln. Das ist ein langsamer Prozess, der mit Arbeitsverträgen zu tun hat.“ Wohl mit jenen der nächsten Museumsdirektoren.

„In Hamburg war eine ähnliche Situation wie in Wien“, erzählt Ronte: „Da wurde jetzt eine neue Struktur eingezogen, in der ganze Einheiten zusammengefasst wurden.“ Monopole sollte man freilich vermeiden: „Die sind tödlich und unkreativ. Aber die Frage lautet sehr wohl: Was ist wichtiger, die gemeinsame Sache oder die Selbstverwirklichung von Direktoren. Zur Zeit scheint die Selbstverwirklichung im Vordergrund zu stehen.“ Wien sei in den letzten 20 Jahren zu einem der „großen europäischen Museumsplätze gewachsen“, so Ronte, aber: „Es fehlt etwas wie das Centre Pompidou. Es wäre schön, in Wien eine Plattform zu haben, wo genau der österreichische Beitrag zur Moderne liegt.“ Vorerst gibt es, recht umstritten, Klassische Moderne in der Albertina aus der Sammlung Batliner. Nur eine Leihgabe, ist das nicht auch schön?

„Der Konflikt zwischen Privatinitiative und fehlenden öffentlichen Geldern ist alt – und ein generelles Museumsproblem in Europa. Zur Sammlung Batliner konkret: Wenn man sie 10 Jahre wirklich zeigt, den Platz und die Ausdauer aufbringt, dann ist es gut. Wenn man sie ein Vierteljahr zeigt, ist es nicht ganz so interessant.“

In Deutschland gab es eine Debatte um die eben zu Ende gegangene documenta. „Sie war erfolgreich, also so what?, könnte man politisch fragen“, sagt Ronte: „Dass man Künstler über 60 Räume verteilt, bereitet mir Unbehagen. Oft ist auch in die zweite Qualität gegriffen worden – und es wurde teilweise nicht gut mit Kunstwerken umgegangen. Der Dialog hätte viel härter und stringenter geführt werden müssen.“ Das alles sei durchaus symptomatisch.

Künstler mutierten zu Dienstleistern

„Die Kunst wird nie mehr diese unbegrenzte pubertäre Explosion sein wie etwa in den Sixties. Die Gesellschaft ist ruhiger geworden. Jonathan Meese statt Rudolf Schwarzkogler halte ich für ziemlich uninteressant. Viele Künstler mutieren zu Dienstleistern. Sie verkaufen keine Kunstwerke mehr, sondern bekommen Honorare für Arbeiten, die sechs Monate gezeigt und wieder abgebaut werden. Der Künstler als Dienstleister arbeitet angepasster, er lässt sich was sagen. Wir erleben eine Rückkehr zur Auftragskunst der Neuzeit, wenn nicht des Mittelalters. Man kann das begrüßen oder sagen: Verdammt, wo sind wir eigentlich gelandet? Da fehlt was. Meiner Generation fehlt was.“

ZUR PERSON: Dieter Ronte

Der Leipziger studierte Kunstgeschichte, Archäologie, Musik, Romanistik.
Ab 1971 arbeitete der „Peter-Ludwig-Mann“, der sich später emanzipierte, am Wallraff-Richartz-Museum in Köln.
1979-89 war Ronte Direktor des Museums moderner Kunst in Wien. As künstlerischer Leiter übernimmt er nun das neue Frohner-Forum in Krems.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2007)

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