Ist das Universum eine abstrakte mathematische Struktur? Ein Physiker behauptet das.
Wie reagieren Sie, wenn jemand, der sonst nicht verhaltensauffällig ist, erklärt, der Erdkern bestehe aus Sodawasser? Sie würden ihm wohl nicht glauben, aber seine Theorie auch nicht als absurd verdammen, sondern Argumente suchen, die dafür sprechen, dass der Erdkern doch eher aus geschmolzenem Metall besteht. – Wie aber, wenn einer Ihnen weismachen will, der Erdkern bestünde aus Marmelade? Diese These würden Sie gewiss ohne Prüfung zurückweisen.
„Der unglückliche Urheber der Marmeladetheorie wird schwer gekränkt sein und uns anklagen, dass wir ihm aus angeblich wissenschaftlichem Vorurteil die objektive Würdigung seiner Behauptung versagen. Aber es wird ihm nichts nützen“, konstatierte (in der „neuen Vorlesung“ über „Traum und Okkultismus“) Sigmund Freud, von dem dieses Beispiel stammt. Das gute Dienste tut, wenn man Theorien beurteilen muss, die einem paradox vorkommen. Etwa die Homöopathie, also die Idee, dass unendlich kleine Konzentrationen einer Substanz erst recht heilend wirken. Ich halte sie eher für eine Sodawasser- als für eine Marmeladetheorie, also ernsthafter Prüfung wert.
Auch die Einteilung nach Freud scheitert aber an einer Theorie, die Max Tegmark, Kosmologe am höchst renommierten Massachusetts Institute of Technology, im wissenschaftlichen Online-Archiv „ArXiv“ publiziert hat. Er behauptet schlicht: „Unsere physikalische Welt ist eine abstrakte mathematische Struktur.“ Wie er sich hinzuzufügen beeilt: Er meint nicht, dass sie durch eine mathematische Struktur beschrieben wird (im Sinn Galileos: „Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben“), sondern dass sie eine mathematische Struktur ist. Das leitet er allein aus der – vernünftigen – Annahme ab, dass es eine äußere Realität gibt, die von uns Menschen unabhängig ist.
Das heißt nicht direkt, dass bei hartnäckigem Zertrümmern von Atomen irgendwann Zahlen im Zertrümmerungsapparat erscheinen, aber doch so ähnlich. Die Gleichungen einer (zukünftigen) „Theory of Everything“ seien „die komplette Beschreibung einer mathematischen Struktur, die die äußere physikalische Realität ist“, schreibt Tegmark und erläutert: Realität und mathematische Struktur seien „isomorph“ (d.h., sie werden aufeinander umkehrbar eindeutig abgebildet), daher gebe es „keine sinnvolle Bedeutung, in der sie nicht ein und dasselbe sind“. Weiters folge, so Tegmark, dass alle Universen, die durch eine mathematische Struktur beschrieben werden, auch wirklich existieren; Universen mit Schöpfergott schließt er freilich vorsorglich aus, da dieser keiner mathematischen Struktur entspreche.
Es zahlt sich aus, die Arbeit im Internet zu lesen (arXiv:0704.0646), sie hat noch wildere Passagen und ist völlig ernst gemeint: ein faszinierendes Beispiel dafür, wie scholastisch – und dabei prä-kantianisch – die theoretische Physik geworden ist. Brauchbar scheint Tegmarks Theorie am ehesten als Revanche-Foul an einem radikalen Materialismus, nach dem Motto: Erklärst du mein Bewusstsein zur Materie, dann erkläre ich deine Materie zur mathematischen Idee...
Seid fair! Sonst kommt der Schiedsrichter mit roten Karten – und einem pragmatischen Dualismus, und den wollt ihr doch beide nicht, oder?
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2007)