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Glaziologie: Die Gletscher gehen

EPA
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Gletscher kamen und gingen, seit es die Alpen gibt. Aber wie das Klima haben auch sie ihre Überraschungen. Ein Buch wagt den Überblick über Klima und Eis.

Seit 1975 stieß das Goldbergkees um 20m vor und befand sich damit im Trend aller Alpengletscher, von denen etwa 70 Prozent diesen ,1980er Vorstoß‘ mitmachten. Wir vom Gletschermessteam der Zentralanstalt begannen vorsorglich, die Längenmessmarken im Zungenvorland rückzuverlegen, damit sie nicht vom Gletscher überfahren würden. Diese Maßnahme war übertrieben, wie der unmittelbar folgende Umschwung vom ,anthropogenen Aerosolzeitalter‘ ins ,anthropogene Treibhauszeitalter‘ zeigen sollte.“

So hat das Klima seine Überraschungen, so haben die Gletscher die ihren, sie kamen und gingen, seit es sie in den Alpen gibt bzw. seit es die Alpen gibt. Die wurden vor 45 Millionen Jahren von der Kontinentalverschiebung aus dem (Meeres)Boden aus dem Boden gestampft, damals war es global wärmer als heute, es gab kein Eis auf der Erde, erst vor 35 Millionen Jahren vergletscherte die Antarktis, vor einer Million Jahren war es auch in den Alpen soweit. Dann kamen und gingen sie mit den Eiszeiten, auf dem Höhepunkt der letzten, vor 25.000 Jahren, strömte das Goldbergkees durch das gesamte Raurisertal, das heutige Rauris lag 3000 Meter unter Eis, das heutige Salzburg 500.

Am Ende der Eiszeit wurde es wieder wärmer als heute, seitdem pulsierten die Gletscher geringer und in rascherem Takt, den letzten großen Vorstoß hatten sie in den Alpen im 19. Jahrhundert, die Bergbauern gerieten in so große Bedrängnis, dass der Salzburger Kreishauptmann 1820 einen Bericht über die „Verwilderung der Alpen“ anforderte, die Bilanz war böse, auch für das Goldbergkees („über ein Gebiet von acht Fußstunden Weiden vernichtet“).

Heißeste Zeugen des Kilmawandels

Dann wurden sie von Touristen entdeckt, seitdem sind sie mit Bedeutung geladen („ewig“). Die steigert sich nun, da sie uns unter den Händen – bzw. Auspuffen und Fabrikschloten – dahinschmelzen, sie sind die emotional heißesten Zeugen des Klimawandels. Man sollte sie noch einmal anschauen, am besten zu Fuß, am zweitbesten in einem Büchlein, in dem das Gletscherteam der Hohen Warte (ZAMG) um Reinhard Böhm einen Überblick gewagt hat über Klima und Gletscher, global in Raum und Zeit, rückgebunden an einen Ort, das Goldbergkees in den Tauern. Von der Dicke her ist es wirklich ein Büchlein, aber der Inhalt ist kompakt (doch gut lesbar), die Bebilderung opulent, der Ton angenehm un- bzw. antihysterisch.

Auch dort, wo es um das Ende geht: Bis 2020 wird noch ein Drittel des Goldbergkees da sein, bis 2050 ein Viertel, zum Jahrhundertende nichts, weit und breit. Wer dann Gletscher sehen will, muss in die Westalpen.

Reinhard Böhm et.al., „Gletscher im Klimawandel“, ZAMG, 111.S, Euro 14,90.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2007)