Ich kaufe die exotischsten Österreicher-Bücher heimlich wie eine Droge auf dem Karlsplatz.
Aus aktuellen Gründen beschäftigt sich dieses „Gegengift“ mit Sex ohne Kondom und mit komischen Vögeln. In zehn Tagen beginnt die Frankfurter Buchmesse, deshalb will ich erst einmal über mich schreiben. Und ich werde mich nicht schonen. Denn nur wer ausschließlich über sich selbst schreibt, und zwar beiläufig oder zuweilen gar schlampig, hat eine Chance, in Frankfurt in die Charts zu kommen. Im Österreicher-Jahr – noch nie waren die heimischen Dichter so fleißig wie in diesem Herbst – ist es eine heilige Pflicht, introvertiert zu sein und das auch noch publik zu machen. Die supersten Entblößer kommen dann auf die Longlist oder gar auf die Shortlist.
Thomas Glavinic schreibt über seine Unterhosen, Robert Menasse über seine Chilischote, Gerhard Roth über seine Jugend in Graz – alle schreiben über alle ihre Körperteile und die Körperteile ihrer näheren Umgebung, die man Heimat nennt. Nur Peter Henisch schreibt über seine Großmutter. Dafür bin ich ihm dankbar.
Ich aber schreibe jetzt wirklich über mich, und zwar ganz absichtslos. Noch weiß ich nicht, wo der nächste Satz hinführt, aber vorsichtshalber schreibe ich wie ein hoffnungsvoller Literat: Ihr depperten Kritiker ihr! Wisst ihr überhaupt, wie ich leide? Ich sage die Lesung ab!! Ich habe Besseres zu tun. Ich muss mein nächstes „Gegengift“ schreiben, für den 6. Oktober. Zuvor aber gehe ich in den benachbarten Rabenhof im tiefsten Erdberg zu Thomas Gratzer, um mich mit ihm zu betrinken. Erst dann schaue ich mir den „Gusi“ an.
Zurück zur Intimität: Wussten Sie, dass ich vor Hunden Angst habe? Dass ich es hasse, wenn nahe Verwandte aus MEINER Zeitung den Wirtschaftsteil stehlen? Und jetzt kommt es: Wussten Sie, dass ich nie ohne Buch aus dem Haus gehe? Das ist eine Marotte, über die meine Freunde lachen, ich weiß, aber ohne Buch käme ich mir nackt vor wie Glavinic ohne Unterhose, Menasse ohne Schote oder Kehlmann ohne Gauß.
Dabei suche ich die Bücher meistens nicht einmal selber aus. Ich lasse sie mir von der Rotraut, einer befreundeten Buchhändlerin, verordnen, als Breitband-Antibiotika gegen das reine Nichts oder bloßes Unwohlsein. Es hilft zumeist. Oft schickt man mir die Ware auch zu. Das wirkt seltener, das belastet manchmal. Oder ich schaue heimlich nach, was die anderen Juroren auf die ORF-Bestenliste setzen und kaufe die exotischsten Österreicher-Bücher heimlich wie eine Droge auf dem Karlsplatz. Dann bin ich für kurze Zeit ruhiggestellt.
Besonders fiebrig aber ist die Übergangszeit von Oktober bis Weihnachten, die Hochzeit des stillen Geschäfts. Da rasen die Autoren und klappern mit den Griffeln. Da knirschen die Kritiker und rollen mit den Augen. Da kann es mal vorkommen, dass wir von der Abteilung Feuilleton die Tinte nicht halten können.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2007)