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Künstliches Fieber auch gegen Rheuma

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Hyperthermie. Eine absichtlich herbeigeführte Erhöhung der Körpertemperatur soll das Immunsystem anregen. Studien zufolge hilft künstliches Fieber auch bei Krebs.

Wunder ausgeschlossen, Besserung wahrscheinlich, Heilung möglich – mehr kann auch die Schulmedizin nicht versprechen. Warum also sollte man es nicht einmal mit der alternativ-medizinischen Methode der Hyperthermie, einem künstlich erzeugten Fieber, versuchen?

Obwohl generell als Heilmethode anerkannt, wird die Hyperthermie in Fachkreisen kontroversiell diskutiert. „Doppelblindstudien sind bei dieser Behandlungsmethode nicht möglich“, sagt Univ.-Prof. Dr. Wilfried Ilias, Vorstand der Anästhesiologie und Intensivmedizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien. Und so kann der übliche Weg zur wissenschaftlichen Anerkennung nicht beschritten werden.


Gesunderhaltung unterstützen

Dr. Ralf Kleef, Leiter des Instituts für Wärme- und Immuntherapie in Wien, Spezialist auf dem Gebiet der Hyperthermie-Behandlung, hat in den letzten neun Jahren mehr als 4000 Patienten mit dieser Methode behandelt. Um die Effekte der Wärmebehandlung nachzuweisen, hat er eine kontrollierte, einfach-blinde Studie durchgeführt. Dabei wissen die Probanden nicht, ob sie eine Schein- oder eine echte Behandlung erhalten.

Die Studie zeigte: Wärmebehandlungen mit Infrarot-Strahlung können das Immunsystem aktivieren. „Somit kann man auch Prävention betreiben und die Gesunderhaltung unterstützen“, erklärt Kleef. Weitere internationale Studien zur Thematik belegen unter anderem die positive Wirkung der Hyperthermie-Behandlung in der Krebstherapie.


Auch bei Asthma und Arthritis

Erzeugt wird das künstliche Fieber über eine Erhöhung der Körpertemperatur um ein bis vier Grad mittels Infrarot-Strahlung, die nicht mit der Wärme in einer Sauna verwechselt werden darf. Bei Fieber sowie bei künstlich erhöhter Körpertemperatur aktiviert der Körper seine Abwehrmechanismen, um den Heilungsvorgang optimal zu unterstützen. Die Blutgefäße werden durchlässiger und Abwehrzellen sowie Medikamente gelangen leichter in die erkrankten Körpergewebe.

Zur Auswahl stehen die Ganzkörper-Hyperthermie sowie die Lokal-Hyperthermie. Bei der Behandlung des ganzen Körpers liegt man entweder auf einem Bett, das von einer Art Zelt umgeben ist, welches die Infrarot-Strahlen speichert und reflektiert oder auf einer Liege, die über Infrarot-Strahlern schwebt, wobei der Körper dann von oben mit einer wärmestauenden Folie abgedeckt wird.

Angewendet wird die Ganzkörper-Hyperthermie bei verschiedensten Indikationen wie Fibromyalgie, Morbus Bechterew, Asthma bronchiale, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Infektionserkrankungen, Depressionen, Neurodermitis, Polyarthritis, in der Krebstherapie und ganz allgemein zur Entgiftung.


„Teils spektakuläre Erfolge“

Fallbeispiel Fibromyalgie (Weichteilrheuma mit Schmerzen in Muskulatur, Bindegewebe und Knochen): Frau Hermine Beck, 59 Jahre, Patientin von Dr. Kleef, litt an diffusen Schmerzen im ganzen Körper. Weder Cortison noch Antirheumatika konnte helfen. Nach acht Behandlungen mit Ganzkörper-Hyperthermie gab die Patientin an, zu 85Prozent beschwerdefrei zu sein. „Der Erfolg der Methode wird nach mehreren aufeinanderfolgenden Behandlungen deutlich“, sagt Kleef.

Auch Prof. Ilias wendet auf seiner Station bei der Indikation Fibromyalgie die Hyperthermie-Behandlung an und bestätigt „bei einem Teil der Patienten spektakuläre Erfolge“.

In der Onkologie kommt es durch die Hyperthermie zu einer verstärkten Wirkung der Chemotherapeutika. Die Dosierung und damit auch die schweren Nebenwirkungen einer Chemotherapie können so reduziert werden. In diesem Fall wird die extreme Ganzkörper-Hyperthermie eingesetzt, die bei einer Dauer von acht Stunden und einer Erhöhung der Körpertemperatur auf maximal 40,5° Celsius nur unter intensivmedizinischer Überwachung stattfinden kann. „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Krebs und der Unfähigkeit zu fiebern gibt“, bestätigt Kleef.


Krebszellen sterben ab

Ebenfalls in der Onkologie wird auch die Lokal-Hyperthermie eingesetzt. Dabei werden einzelne Regionen des Körpers behandelt, diese Methode wird vor allem bei Tumoren des Gehirns, der Lunge oder des Bauchraumes angewandt. Mittels hochfrequenter Wellen wird der Tumor derart überhitzt, dass der Stoffwechsel der Krebszellen gestört wird und diese im Optimalfall sogar absterben. Das gesunde Gewebe wird bei diesem Vorgang nicht geschädigt, denn das körpereigene Immunsystem richtet sich nur gegen die durch die Hitze veränderten Krebszellen. Kontraindikationen für eine Anwendung der Wärmetherapie sind unter anderem Thrombosen, Herz-Kreislauferkrankungen, Multiple Sklerose, Epilepsie und Schwangerschaft. „Die Nebenwirkungen bei der Hyperthermie sind gering“, sagt Kleef. Dennoch ist es möglich, dass leichte Kreislaufstörungen oder Verbrennungen ersten Grades auftreten können, manchmal schwitzt der Patient noch einige Stunden nach der Behandlung.


Trend zur sanften Medizin

Die Kosten für Hyperthermie-Behandlungen werden von der Krankenkasse bei niedergelassenen Ärzten nicht übernommen, sind demnach vom Patienten selber zu tragen und beginnen etwa für eine milde Ganzkörper-Hyperthermie bei 120 €. Anders im Spital, allerdings wird die Hyperthermie dort nicht oft angewandt, weil sie „viel zu zeit- und arbeitsaufwendig ist“, so Ilias. „Trotzdem steigt die Nachfrage nach dieser Behandlungsmethode, denn weltweit wird der Trend zur sanften Medizin immer stärker“, sagt Kleef.

www.hyperthermie.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2007)