"Verbrennungen": Ein blutiger Fetzen Zeitgeschichte

(c) APA (Robert Jäger)
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Akademietheater-Premiere. „Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad. Ein spannendes Stück, effektvoll inszeniert.

Kunst ist international: Bildende, Film, Literatur. Nur das Theater hält sich, so scheint es, vornehm zurück. Der europäische bzw. westliche Blick dominiert, trotz der vielen neuen Texte. Schaut man doch einmal über die Mauer, ergeben sich selten originelle Perspektiven, wenn man etwa an das „9/11“-Stück von Neil LaBute („Tag der Gnade“) denkt, oder auch an Dramen, die sich mit der Nahost-Problematik auseinander setzen; da sieht man dann Grausamkeit pur – und plakativ.

Der aus dem Libanon stammende 39-jährige Franko-Kanadier Wajdi Mouawad ist da eine Ausnahme. Sein Stück „Verbrennungen“, seit Freitag im Akademietheater zu sehen, ist zwar well-made, aber auch raffiniert. Es zieht keine schwarzweißmalerischen Trennungslinien zwischen Europa und Orient, sondern beleuchtet die Pathologie beider Seiten. Der Grundeinfall wirkt, wiewohl inspiriert von den alten Griechen Ödipus & Co, etwas konstruiert: Eine Frau gebiert einen Massenmörder, der sie später vergewaltigt. Nach ihrem Tod gehen die im Westen lebenden Kinder aus dieser Verbindung auf die Suche nach Vater und Bruder.

Regina Fritsch brilliert in der Hauptrolle

Die Zeit: Der Bürgerkrieg im Libanon von Mitte der Siebziger bis 1990, vor dem die Familie des Autors nach Paris, dann nach Kanada flüchtete. Daheim wurde über die grauenhaften Ereignisse nicht gesprochen. Mouawad erfuhr davon erst, als er den Libanon bereiste. Das Land wird im Stück nicht erwähnt, wodurch die Story allgemein gültig wirkt. Der Text erscheint sowohl konkret, realistisch, zeitnah als auch rätselhaft, schwebend, poetisch. Wie aus dem Nebel lösen sich Fetzen der Geschichte, die zwischen verschiedenen Zeitebenen wechselt.

Ein großartiges Stück – und großartig hat es der Schweizer Stefan Bachmann inszeniert, der offenbar mit zeitgenössischen bzw. heftigen Stoffen besser umgehen kann als etwa mit Raimunds „Verschwender“. Anfangs gibt es kleinere Irritationen. Wieso müssen die Figuren fortwährend zappeln? Soll damit ihr neurotisches Innenleben demonstriert werden? Das sieht man auch so deutlich genug. Bachmann stellt die Tragödie komödiantisch vor. Das ist eine Stärke der Inszenierung. Und er hat viele eindrückliche Bilder geschaffen. Auch Bühne (Hugo Gretler) und Sounddesign (Ingo Pusswald) sind exzellent komponiert.

Die Handlung beginnt in einer westlichen Großstadt, in der Jeanne und Simon mit dem Testament ihrer zuletzt hartnäckig schweigenden Mutter konfrontiert werden; von einem schusseligen Anwalt, der sich mit den Widrigkeiten der New Economy herum schlägt (hinreißend: Markus Hering). Jeanne ist Mathematikerin, Simon Boxer, symbolhafte Beschäftigungen für zwei Menschen, die Fluchtwege aus einer nur instinktiv empfundenen Katastrophe suchen. Daniel Jesch und Melanie Kretschmann, zeichnen diese Zwillinge überzeugend als ewige Adoleszente. Die junge Frau ist als erste bereit, sich mit der Mutter auseinander zu setzen. Der junge Mann wehrt aggressiv ab.

Regina Fritsch spielt die Mutter – und es ist schlichtweg grandios wie sie voran stürmt, sich voran schleppt auf dem weiten und verschlungenen Weg, den ihr der Autor vorgezeichnet hat. Als Mädchen vom Land sieht man sie, unter dem Diktat der Großmutter, lesen, schreiben lernen. Fast noch ein Kind ist diese Leidgeprüfte, als sie schwanger wird, der Sohn wird ihr weggenommen. Endlos dauert die Suche nach ihm. Als sie auf ihn trifft, ist sie Gefangene. Mutter und Sohn erkennen einander nicht. Vor Gericht sehen sie sich wieder. Da hat sich das wilde Mädchen in eine lebende Tote verwandelt, die mit erloschenem Blick ihren Peiniger anklagt. Wunderbar und erschütternd ist es, der Fritsch zuzusehen.

Akteure wechseln souverän die Rollen

Aber auch Sabine Haupt berührt als unerschütterliche Freundin. Alle Akteure bis auf Fritsch spielen mehrere Rollen, was sie souverän tun. So auch Juergen Maurer als Pfleger, als skurriler Werbeträger und als Milizionär. Eine weitere unheimliche Figur: Klaus Brömmelmeier als Massenmörder, ein irres Kind, dem man eine MP in die Hand gedrückt hat, einer der vermutlich vielen Borderliner der weltweit tätigen Kriegsmaschine. Dieser Amokläufer in den Diensten beliebiger Mächte verfehlt keines seiner „beweglichen Ziele“. Selbst die Enthüllung seiner Herkunft scheint er als einen weiteren tollen Gag des Schicksals aufzufassen.

Das Publikum bejubelte diese perfekte Aufführung. Womöglich kommt das richtig interessante neue Drama aus dem französischen Raum? Auf jeden Fall sollte man sich dort vielleicht öfter, genauer umsehen.

INFORMATION: Termine

„Verbrennungen“ mit Regina Fritsch, Daniel Jesch, Markus Hering, Juergen Maurer, Sabine Haupt wird am 3., 4., 21. und 28. Oktober gespielt. ? 51444/4140

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2007)

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