Wer glaubt, es gebe keine Tabus mehr, irrt. Unsere Bauern hüten noch ein letztes großes Geheimnis. Jenes der Agrarsubventionen.
Es gibt, wie es auf gut österreichisch heißt, keinen Genierer mehr. Die Leute reden in aller Öffentlichkeit über Dinge, die einem früher die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Politiker belästigen die Wählerschaft mit Dingen, die in der Politik nichts zu suchen haben. Mit privaten Befindlichkeiten bis hinein in ihre Schlafzimmer.
Da tut es doch einmal richtig gut, wenn es noch Dinge gibt, über die man nicht spricht. Unsere Bauern, gottesfürchtig und redlich, schützen etwa standhaft eines der letzten großen Geheimnisse der Natur. Das Geheimnis über die Höhe der Agrarsubventionen aus Brüssel.
Da hilft es nichts, wenn die EU die Offenlegung der Subventionen fordert. Landwirtschaftsminister Josef Pröll ist dagegen. Er will keine „Neid-Debatte“.
Als wären Förderungen etwas Unanständiges. Sie sind bekanntlich dafür da, um in Anspruch genommen zu werden. Es käme ja auch kein Häuslbauer auf die Idee, zu verheimlichen, dass er Wohnbauförderung erhält.
Warum also diese Tabuisierung gerade bei den Bauern? Vielleicht, weil es gar nicht die Bauern sind, die am stärksten am Förder-Tropf der EU hängen? Vielleicht, weil die Öffentlichkeit plötzlich erfahren würde, dass es vor allem Groß-Konzerne sind, die sich – völlig legal – von Brüssel subventionieren lassen?
Ja, es ist eine Neid-Debatte zu befürchten. Aber nicht eine über Bauern, sondern eine zwischen Bauern und Industrie. (Bericht: Seite 17)
gerhard.hofer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2007)