Fall Franz Fuchs: „Ingredienzen zum Mythos“

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Fernsehen. Elisabeth Scharang hat den Fall Franz Fuchs mit Karl Markovics für den ORF verfilmt.

Es lebe die deutsche Volksgruppe! Es lebe die BBA.“ Schreiend und voller Hass, die verstümmelten Arme in die Hemdsärmel gezogen, Zornesfalten auf der Stirn – so hat die Öffentlichkeit Briefbomber Franz Fuchs erlebt... im Gerichtssaal, nachdem er vor zehn Jahren aus purem Fahnderglück gefasst worden war. Die Gefängniswärter beschrieben ihn später als mustergültig. Aber in den Verhören meinte er einmal, er sei ein „österreichischer Terrorist“, ließ sich dennoch zu seinen Taten oder zur Frage möglicher Mittäter wenig entlocken, nahm viele Geheimnisse lieber mit ins Grab.

Diesen unheimlichen, auch bemitleidenswerten Irren zu mimen, musste Karl Markovics – nicht erst seit dem Erfolg von Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ „viel damit beschäftigt, Rollen abzulehnen“ – nicht zweimal gebeten werden. „Franz Fuchs hat alle Ingredienzen zum Mythos“, meint er – „aber die Verkrustung ist noch nicht so dicht wie sie zum Beispiel bei einem Adolf Hitler ist“. Da sei einerseits „das verwirrte, weidwunde Bild“ auf den Titelblättern, da sind die wilden Auftritte vor dem Richter und ein „erstaunlicher Selbstmord“ (Fuchs hatte keine Hände mehr) – genug Stoff, um in die (Kriminal-)Geschichte einzugehen.

Nach zehn Jahren fällt das Reden leicht

Zehn Jahre sind seit Fuchs Verhaftung vergangen – das erschien dem ORF genau der richtige Abstand, sich der Causa mit einem Themenabend (siehe Infokasten) zu nähern. Nah genug, um eine noch recht lebendige Erinnerung und nur leicht verschüttete öffentliche Emotionen rasch freilegen zu können. Und doch so fern, dass Familie und Betroffene vor allzu großem Schmerz bewahrt werden – und den Beteiligten (etwa an den teils heftig kritisierten Ermittlungen) das Reden leichter fällt, weil sie ohnehin längst nicht mehr in Amt und Würden sind.

Regisseurin Elisabeth Scharang hatte, als das Thema von Produzent Dieter Pochlatko an sie herangetragen wurde, zunächst Zweifel: „Ich dachte: Was soll man über Franz Fuchs noch erzählen? Da weiß man doch alles.“ Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. „Je mehr ich gelesen habe, desto öfter habe ich gedacht: Warum weiß ich das nicht?“

Ein Porträt sollte das Ganze aber nicht werden, vielmehr eine „Geschichte, die über das Land erzählt – es war ja auch politisch eine recht heftige Zeit“. Und ein gewisser Gottfried Küssel lieferte Neonazi-Schlagzeilen. So kam Scharang rasch zu der Überzeugung, dass ein Doku-Drama nicht reichen werde – eine Dokumentation sollte nach wie vor offene Fragen aufwerfen: War Franz Fuchs ein Einzeltäter? Was haben die Ermittler falsch gemacht? Welche Rolle spielten Politik und Eifersüchteleien dabei?

Scharang las vornehmlich „alles, was Franz Fuchs persönlich erzählt hat – über Frauen, über seine Schulzeit, über seine Kindheit“. Sie erhielt sogar Einsicht in das unveröffentlichte Videomaterial vom Lokalaugenschein in Gralla aus dem Polizeiarchiv. Aus der Fülle wurden Film und Doku.

Zeigen, was Fuchs nicht sagte

„Ich bin von Herzen Dokumentaristin“, sagt sie. Nachgespielt wurde nur, wo es nicht anders ging. „Die Verhörszenen im Film entsprechen den Originalprotokollen. Wir wollten keinen Interpretationsspielraum, weil das der Geschichte nicht dient“, erzählt Scharang. Sie habe zeigen wollen, „wie er sich ausdrückte und was er nicht sagte – das prägt das Bild eines Menschen“.

Auch Markovics hat sich der unbekannten Figur Fuchs über die Verhörprotokolle genähert. Er habe versucht, den „egomanischen Charakter“ des Briefbombers nicht zum „Bravour-Kammerstück“ zu machen, um so nur die eigenen Fähigkeiten vorzuführen. Die Situationen, in denen er mit verbundenen Händen (als Armstümpfe) agieren musste, habe er nicht lange geprobt. „Das war ja auch für Franz Fuchs ein ungewohnter Zustand.“ Eine gewisse Tolpatschigkeit passe daher ins Bild. Und er sei sich immer bewusst gewesen, dass seine Figur nach wie vor „auf Augenhöhe“ sei – „mit Angehörigen und Betroffenen, die das miterlebt und die mitgelitten haben“.

FILM UND REGISSEURIN

Die geborene Steirerin Elisabeth Scharang arbeitet seit 20 Jahren für den ORF, wo sie seit 1991 Reportagen und Fernsehdokumentationen gestaltet. Seit 1997 ist sie freie Regisseurin. Auf dem Radiosender FM4 moderiert sie eine wöchentliche Live-Talk-Sendung, das „Jugendzimmer“, die sie auch redaktionell betreut.

„Franz Fuchs – Ein Patriot“ ist am 2.Oktober um 20.15 Uhr auf ORF2 zu sehen. Anschließend folgen die Dokumentation „Der Fall Briefbomben – Die offenen Fragen“ und ein „Runder Tisch“ (23.15h) mit Scharang und Markovics. [ORF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2007)

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