Junge Zielgruppen. Ö1 macht auch Kinderradio und fördert den Nachwuchs.
Rudi ist ein sympathischer Kerl, nicht nur wie ihn der Maler und Grafiker Walter Schmögner mit seinem semmelfarbenen Fell, seinen etwas wirren Tupfen und dem spitzbübischen Frechdachs-Gesicht aufs Papier gebracht hat. Auch als Kumpel hat Rudi seine Qualitäten. Wochentags schnüffelt er im Ö1-Programm herum und zeigt den Großen, die da vor dem Äther sitzen, dass auch die Kleinen wichtig sind. So gesehen hat „Rudi, der rasende Radiohund“ weit mehr Bedeutung als Sendezeit. Auch wenn keiner so genau weiß, wie viele Kinder eigentlich Montag bis Freitag um 17.25 Uhr zuhören, um den fantasievollen Geschichten aus der Feder von Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger (Dienstag und Freitag) oder (an anderen Tagen) den liebevoll gestalteten Sach- und Fachbeiträgen der Redaktion zu lauschen (bei denen dann zum Beispiel Mathematiker Rudolf Taschner in die geheimnisvolle Welt der Zahlen einführt oder der Sohn eines U-Bahn-Führers in das unterirdische Reich des Herrn Papa).
Erst ab zehn Jahren im Radiotest
Der Radiotest erfasst Kinder, die jünger sind als zehn Jahre, nicht. Aber die Sensoren von Rainer Rosenberg, in dessen Reich sich Rudi einquartiert hat: „Wir haben sogar ein Kind in Australien, das den Rudi dauernd podcastet“, erzählt er der „Presse“. Warum Ö1 seit Jänner 2003 für die Kleinen überhaupt diesen Aufwand betreibt, ist aus seiner Sicht leicht erklärt: „Ich halte es für wichtig, dass Kinder in der Öffentlichkeit als wichtige Gruppe erkannt werden – dadurch, dass es Kinderradio gibt, werden sie wichtig genommen und nicht ignoriert.“
Und noch etwas: „Kinder bis zu einem Alter von etwa zehn Jahren hören notwendigerweise das Radioprogramm ihrer Eltern – daher wollten wir wenigstens fünf Minuten am Tag für sie Programm machen. Und das hat sich nach anfänglicher, ziemlich deutlicher Opposition gut eingependelt.“ Rosenberg hält es für wichtig, „dass die Kinder merken, es gibt auch Radio, in dem Geschichten erzählt werden, und in dem man Inhalte erfahren kann. In den Massensendern ist ja die Popmusik im Vordergrund. Uns geht es darum, dass schon Kinder etwas Qualitätsvolles hören, damit ihr Sensorium dafür nicht verschüttet wird.“ 1200 Folgen von Rudi gibt es schon, auf http://oe1.orf.at kann man nachhören. Auch Beiträge der Ö1-„Kinderuni“ finden sich dort oder die Beiträge von „Doremifa“. Einladungen zum Lauschen, Lernen, Nachdenken und oft auch zum Schmunzeln.
Ansturm auf die Lehrredaktion
Und was ist mit den Jugendlichen? „Für die gibt es den ganzen Sender – und es gibt zahlreiche Jugendliche, die Ö1 hören, auch wenn wir für diese Zielgruppe vornehmlich Ö3 und FM4 machen“, sagt Rosenberg. Laut Radiotest 2006 hatte Ö1 bei 14- bis 19-Jährigen 1,9% Tagesreichweite; FM4 hatte 8,6% und der Mainstream-Sender Ö3 52,9%.
Nicht selten kommt nach Schule oder Studium der Wunsch, beim Radio zu arbeiten. Auf Initiative von Ursula Theiretzbacher, unterstützt von Chefredakteurin Bettina Roither, wurde nun die erste Lehrredaktion ins Leben gerufen. „Wir hatten über hundert Bewerber für das Casting, 34 kamen in die engere Wahl“, freut sich Theiretzbacher. Vier Monate lang werden die Lehrredakteure von der Chronik über die Innenpolitik und Außenpolitik, Wirtschaft, Online bis in das Ö3-Haus in Heiligenstadt und die Online-Redaktion weitergereicht, um breite Erfahrung zu sammeln. „Wir stecken viel Kraft in diese Leute“, sagt Theiretzbacher. „Aber wir wollen ja auch gute Leute haben.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2007)