Das Luxus-Radio

Zum Jubiläum. Ö1 hat sich stark verändert, um zu bleiben, was es ist – ein Sender, der seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag zur Zufriedenheit aufgeweckter Hörer erfüllt.

Radio hat keine Zukunft. Zu dieser Einschätzung kann fast zwangsläufig kommen, wer den fortgeschrittenen Musikkonsum in Betracht zieht, der durch Plattformen wie iTunes ermöglicht wird – warum auf die Programmierung beliebig austauschbarer Sender setzen, wenn der Kunde sich sein Programm mit wenigen Mausklicks selbst zusammenstellen kann?

Der Hörer von heute ist sein eigener Intendant, der Freundeskreis sein Publikumsrat, die Tauschbörse sein Geschäftsmodell. Zwischenhändler werden obsolet. Das ist das Horrorszenario für Ö3, Arabella, Antenne und Konsorten.

Konventionelles Radio, das sich nach dem herrschenden Geschmack richtet, das aus einer Melange von Werbeblöcken, Geplapper und Hitparaden besteht, hat keine Perspektive. Es ist immer einen Schritt hinten nach. Große Verlagshäuser investieren auf Verdacht hin eher ins Internet als in die schöne alte Form des Rundfunks.

Sparten-Radio hingegen hatte immer Zukunft, vor allem, wenn dessen Produzenten bereit waren, alles zu verändern, damit vieles bleibt, was es ist. Seit 40 Jahren sendet der ORF Ö1, und dieses Programm ist dem am nächsten, was man im öffentlichen Rundfunk Kulturauftrag nennt.

Würde sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz auch beim Fernsehen stärker auf die Tugenden von Ö1 besinnen, man müsste sich nicht sorgen um Quoten. Differenzierung ist das wesentliche Merkmal für Medien, die sich aus Gebühren finanzieren. Wäre die gesamte Anstalt so vielfältig und offen wie Ö1, der ORF könnte mit Recht behaupten, die österreichische Variante der BBC zu sein: Sie bietet Programme, die nicht nur unterhalten, sondern auch bilden und aufklären. Feinkost-Läden wie BBC World Service und Ö1 nehmen Hörer ernst.

Ö1 ist das Luxus-Radio ohne Werbung, es kann den Anspruch erfüllen, alles Gesellschaftliche wahrzunehmen, zu durchdringen, zu reflektieren. Man pflegt einen feuilletonistischen Zugang in immer neuen Formaten. Mehr als 100 sind es geworden. Die Klassiker aber bleiben. Mit den aufwendig produzierten Journalen des Aktuellen Dienstes etwa gewinnt Ö1 Charakter, wird unverwechselbar. Hier hat man den großen Horizont, wirkt tatsächlich aktuell und vergisst nicht auf Randsparten wie die Kultur. Kein Politiker kann es sich leisten, im Mittagsjournal nicht vorzukommen, deshalb werden Pressekonferenzen so angesetzt, dass ein Live-Einstieg möglich ist.

Genug des Lobs, es gibt auch viel zu kritisieren. Ist es ein subjektiver Eindruck, oder hat die Anstalt früher mehr Ressourcen für das Hörspiel zur Verfügung gestellt? Werden die Heerscharen talentierter und arrivierter heimischer Autoren überhaupt noch ermuntert, sich diesem Genre zu widmen? Warum wird der Jazz versteckt wie ein etwas schrulliger Onkel? Und wann gibt es wieder kleine philosophische Essays wie den „Schalldämpfer“ von Axel Corti, die zum Nachdenken zwingen?


Als Hörer der Journale wäre ich vor einiger Zeit beinahe abhanden gekommen, als Nachrichten im TV und im Internet jederzeit und überall verfügbar wurden. Man hat mich zurückgewonnen, seit die Nachrichten und Features von Ö1 per Stream auf dem PC nachgeholt werden oder als MPEG-Datei auf Handy oder Player geladen werden und unterwegs angehört werden können. Diese Art von Radio hat garantiert Zukunft. Sie setzt aber die vielen Köche von Ö1 noch stärker unter Druck. Wie inszeniert man ein Programm, bei dem die Hörer nicht ständig wegklicken? Wie halte ich sie bei Laune? Ö1 zeigt seit 40 Jahren, wie man das macht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2007)

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