Die Republik der Wegblicker

Nur keine Wellen, man muss ja nicht alles sehen: Die Bawag-Einvernahme Grassers enthüllt ein erstaunliches Sittenbild.

Ein sauberes Sittenbild aus der Republik der Wegblicker hat Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser bei seiner Einvernahme im Bawag-Prozess geliefert: Nein, mit dem Nationalbank-Prüfbericht über die Bawag im Jahr 2001 (in dem schon wilde Bawag-Ungereimtheiten angedeutet waren), habe er nichts zu tun. Den hätten seine Beamten „final bearbeitet“, also in die nächstverfügbare Schublade entsorgt.

Ja, die Beamten hätten bei der OeNB nachfragen müssen. Haben sie aber nicht getan, da kann man nichts machen. Und die OeNB? Der war das Schicksal ihres eigenen, durchaus kritischen Prüfberichts wohl auch herzlich egal. Nur keine Wellen!

2005, nach dem Auffliegen des Refco-Skandals, haben dann FMA und OeNB die Bawag gemeinsam geprüft – und überhaupt nichts mehr gefunden. Das mussten dann die Medien (mit wesentlich schlechterem Aktenzugang) erledigen. Ist aber egal, denn Grasser findet es ja ohnehin „sinnlos“, jetzt noch „Schuld hin und her zu schieben“.

Da bleibt einem ein bisschen der Mund offen. Übrigens: FMA und OeNB prüfen gerade mögliche Ungereimtheiten in der Gruppe des Grasser-Freundes und Arbeitgebers Julius Meinl. Zuständig: Die vom Ex-Finanzminister installierten Grasser-Ex-Mitarbeiter Traumüller (FMA) und Christl (OeNB). Das wird man sich nach den Bawag-Erfahrungen mit krampfhaftem Wegschauen wohl genauer ansehen müssen. (Bericht: S. 11)


josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2007)

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