50 Jahre Weltraum-Forschung. Am Anfang stand ein Machtkampf, am Ende der Fortschritt.
Nikita Chruschtschow saß in einer müden Runde in der ukrainischen Hauptstadt, als er die Nachricht des erfolgreichen Starts von Sputnik erhielt. Es war der 4. Oktober 1957. „Koroljow hat mich angerufen, dass vor zwei Stunden der künstliche Satellit in eine Umlaufbahn gebracht wurde“, jubelte er und nahm ein Glas Wodka in die Hand. Die Runde sah den Kreml-Chef verdutzt an. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Sergej Koroljow der geheime Kopf des russischen Weltraumprogramms war. Und niemand konnte den historischen Schritt einschätzen.
Viel sensibler reagierte Washington: Das bescheidene Funksignal aus dem All, das auch in den US-Forschungszentren empfangen wurde, dieses „Piep ... piep ... piep“, verwundete das amerikanische Selbstbewusstsein zutiefst. Vor 50 Jahren begann ein teurer, aufwendiger und von vielen Rückschlägen geprägter Wettlauf um den Weltraum.
„Sie sind bei Raketenantrieben voran, wir sind es beim Farbfernsehen“, resümierte der spätere US-Präsident Richard Nixon und erntete scharfe Kritik von seinem politischen Gegner John F. Kennedy. Doch die USA gaben nicht auf. Mit vereinten Kräften in der Nasa und mit massiven Investitionen holte Amerika seinen Rückstand auf. Die Motivation war stark: die Furcht vor der militärischen Überlegenheit der UdSSR. In der Sowjetunion wurden Raketen nicht mit dem Ziel entwickelt, den Weltraum zu erkunden. Es ging um eine Maximierung der Schubkraft, um strategische Ziele in den USA angreifen zu können.
Die Crux an der Geschichte aber war, dass vor allem die Nebenprodukte dieses militärischen Wettlaufs den Menschen einen ungeahnten Fortschritt brachten. Die Warnung vor Wetterkapriolen, die Navigation von Schiffen und Flugzeugen, das Satellitenfernsehen und die internationale Telekommunikation wären nie möglich geworden, hätten sich die Sowjetunion und die USA nicht dieses verbissene Match geliefert. Sogar die Entwicklung des Internets geht darauf zurück. Als der US-Führung bewusst wurde, dass die UdSSR mit ihren Raketen bald jeden Winkel Amerikas erreichen könnte, wurde damit begonnen, alle militärischen Daten quer durch das Land zu verteilen. Ein Computer-Netz, sollte sie verknüpfen – der Vorläufer des WWW.
Ohne Satelliten sehr still
Würden heute alle Satelliten ausfallen, es würde auf der Erde zwar nicht dunkel werden, aber sehr still. Nur ein kleines Beispiel: Als 1998 der Satellit Galaxy IV eine Betriebsstörung hatte, brach fast die gesamte „Beeper“-Kommunikation zusammen. Das zu diesem Zeitpunkt wichtigste Kommunikationsinstrument im Logistikbereich versagte völlig. Ärzte konnten nicht in den Operationsraum gerufen werden, Bereitschaftspersonal für den Computer-Support verschlief wichtige Einsätze. „Sie haben damals von Milliarden-Schäden gesprochen“, bestätigte der ehemalige Geschäftsführer der Austrian Space Agency, Klaus Pseiner in einem Gespräch mit der Austria Presseagentur.
Längst ist das Entsenden von Satelliten von einem militärischen zu einem wirtschaftlichen Projekt geworden. Auch Russland, das mittlerweile im Weltraum eng mit den USA kooperiert, ist mit dabei. Alle paar Monate startet eine der verlässlichen Sojus-Raketen, um einen neuen Satelliten in die Umlaufbahn zu bringen. Längst sind es keine Aluminiumkugeln mehr, die einen einfachen Sender beherbergen, sondern ausgeklügelte Geräte. Sie berechnen die deutsche Lkw-Maut oder die Bewegung von Hurrikans vor der US-Südküste.
Und es sind bereits so viele Satelliten, dass sie zu einem neuartigen Problem werden: Um die Erde treibt eine Menge Weltraumschrott, den niemand entsorgt. Erst im vergangenen März wäre ein Flugzeug der chilenischen Gesellschaft „Lan Chile“ um ein Haar von einem brennenden Metallstück aus dem Weltraum getroffen worden. Normalerweise verglühen die Teile beim Eintritt in die Atmosphäre, doch einige besonders harte Materialien wie Titan geraten zunehmend zur Bedrohung.
WETTLAUF INS ALL
Am 4. Oktober 2004 begann der Wettlauf der Supermächte ins All. Die Sowjetunion schickte den ersten Satelliten in den Orbit. Die USA waren erst ein Jahr später dazu fähig. 1961 ist ein Russe, Juri Gagarin, der erste Mensch
im All.
Erst 1969 kontern die USA mit ihrem bis dahin größten Erfolg: der Landung am Mond.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2007)